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Angst vor den Eisriesen: Forscher warnen vor Glof-Phänomen

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Angst vor den Eisriesen: Forscher warnen vor Glof-Phänomen

17.08.2016, 13:56 Uhr | AP

Der Pastoruri-Gletscher im Nationalpark von Huaraz in Peru. (Quelle: AP/dpa)

Der Pastoruri-Gletscher im Nationalpark von Huaraz in Peru. (Quelle: AP/dpa)

In der Nähe schmelzender Gletscher fürchten die Menschen um ihre Wasserversorgung. Doch vom Rückzug der Eismassen geht noch eine andere ganz akute Gefahr aus: Schmelzwasserseen können plötzlich ausbrechen und schwere Schäden anrichten. Forscher warnen vor dem sogenannten Glof-Phänomen.

Gemeinden wie Huaraz am Fuß des tropischen Gletschers Pastoruri in Peru sind seit Jahrhunderten von den Eisriesen abhängig, da sie ihr Wasser von dort beziehen. Diese Versorgung wird bedroht vom langsamen Gletschersterben in Südamerika infolge der Klimaerwärmung. Der Prozess in Millimeterschritten kann aber auch zu einer plötzlichen Katastrophe führen - dem Ausbruch eines Gletschersees, in dessen Folge es zu Überschwemmungen kommt. Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von "Glof" ("Glacial Lake Outburst Flood").

Wissenschaftler fürchten schwere Flutschäden

Ein Glof wird ausgelöst, wenn die schwachen Wände eines Gebirgstals unter dem Gewicht des Schmelzwassers von einem Gletscher zusammenbrechen. Zuletzt war dies etwa 2013 bei einem See am chilenischen Gletscher Ventisquero im Nationalpark Bernardo O'Higgins der Fall. Sechs Jahre zuvor war dort ein anderer, nahegelegener See buchstäblich verschwunden.

Diese Orte liegen im abgelegenen und dünn besiedelten Patagonien. Doch wenn etwa der Gletschersee Palcacocha am Pastoruri kollabieren sollte, würde dies nach Warnung peruanischer Experten schwere Flutschäden anrichten. Die Forscher vergleichen das Szenario mit einer Art kleinerem, modernen Cousin eines historischen Glofs, der vermutlich den Ärmelkanal formte.

"Quelle des Lebens und der Katastrophen"

"Da weltweit Gletscher verschwinden, steht weniger Wasser für Wasserkraft als erneuerbare Ressource für die Landwirtschaft und den Bedarf der Menschen zur Verfügung", sagt Benjamin Orlove, Professor für internationale und öffentliche Angelegenheiten an der New Yorker Columbia University. Der Gletscherrückgang bringe viel Unglück. "Ganze Hänge werden destabilisiert, Erdrutsche werden ausgelöst, die viele Kilometer weit reichen und schon ganze Ortschaften zerstört haben."

Auch Benjamin Morales Arnao, Leiter des Nationalen Instituts für Gletscherforschung in Peru, erklärt, die Gletscher des Landes seien zwar "wegen ihrer Wasservorkommen und ihrer Artenvielfalt eine Quelle des Lebens, aber sie sind auch eine Quelle von Katastrophen".

Ursache des Problems ist die Fragilität von Gletscherseen. Diese entstehen, wenn Gestein oder Eis von einem Gletscher eine Moräne bilden, in der sich das Schmelzwasser sammelt. Diese von Natur aus instabilen Gebilde können rasch einstürzen, vor allem in Erdbebengebieten wie Peru.

1985: Glof am Mount Everest

Die 55 Kilometer unterhalb des Pastoruri-Gletschers gelegene Stadt Huaraz mit ihren etwa 100.000 Einwohnern sei besonders stark bedroht von einem möglichen Glof des Sees Palcacocha, erklärte Morales Arnao kürzlich auf einer Konferenz zum Thema Gletscherschmelze in Peru. Der See liegt in nur 20 Metern Höhe am Hang über der Stadt. Morales Arnao rief zu Maßnahmen zum Schutz der Stadt auf. An anderen Orten wurden in der Vergangenheit etwa Dämme oder Überläufe erfolgreich eingesetzt, um das Risiko zu minimieren. In dünn besiedelten Gebieten in Island und anderen Ländern kam es schon mehrfach zum Ausbruch von Gletscherseen.

In Nepal etwa durchbrach am 4. August 1985 der relativ kleine Schmelzwassersee Dig Tsho im Mount-Everest-Nationalpark plötzlich seine Wälle und verursachte eine meterhohe Flutwelle. Das Wasser rauschte vier Stunden lang in die Tiefe, noch in 50 bis 60 Kilometern Entfernung entstanden Schäden.

Nepal gilt wegen seiner Nähe zu den höchsten und größten Schmelzwasserquellen der Welt als besonders gefährdet. Doch bis zum Ausbruch des Dig Tsho kümmerte sich kaum jemand um das Phänomen, wie das Internationale Zentrum für Integrierte Gebirgsentwicklung berichtete, ein regionales zwischenstaatliches Forschungsinstitut für die acht Staaten am Himalaya.

Die Wissenschaftler kamen später zu dem Schluss, dass eine große Eis- und Steinlawine in den See gestürzt war und eine Welle ausgelöst hatte, die die Moräne zum Einsturz brachte. "Schätzungsweise sechs bis zehn Millionen Kubikmeter Wasser ergossen sich ins Tal", hieß es im Bericht des Forschungszentrums.

Maßnahmen gegen die Gefahren

Eine Sicherheitsmaßnahme zum Schutz vor solchen Katastrophen besteht darin, Kanäle durch die Gletscherdämme zu ziehen. Schließlich kollabieren viele Moränen, weil sie von einsickerndem oder überschwappendem Schmelzwasser ausgehöhlt werden. Auch vom Kampf gegen die globale Erwärmung erhofft man sich einen Rückgang der Gletscherschmelze.

Die Experten beim Internationalen Forum zu den Ökosystemen von Gletschern und Bergen in Huaraz appellierten an die Staatengemeinschaft, einen Plan für den Umgang mit der Schmelze zu entwickeln. "Die Prozesse des Klimawandels und der Gletscherschmelze sind unumkehrbar", hieß es in der Abschlusserklärung. "Wir müssen Maßnahmen entwickeln, um uns anzupassen und um die Risiken zu vermindern."

Orlove sagte, langfristig müsse die Welt auf erneuerbare Energiequellen umsteigen, die nicht durch Emissionen den Klimawandel vorantrieben. "Kurzfristig müssen wir Anpassungen finden, wie etwa die Einrichtung von Frühwarnsystemen in dem am meisten von Katastrophen bedrohten Gebieten."

Quelle: AP



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