19.04.2012, 09:40 Uhr | press-inform / Sebastian Viehmann
So ganz richtig ist es nicht, dass Carl Benz vor 125 Jahren das Auto erfunden hat. Denn schon fünf Jahre zuvor bauten zwei Engländer ein straßentaugliches Fahrzeug. Das erste Elektroauto der Welt hatte nur ein halbes PS, aber auch für heutige Verhältnisse eine durchaus akzeptable Reichweite. Das kleine Gefährt kam immerhin 40 Kilometer weit – und bei seiner Bauweise könnte man den Stromer auch heute noch durchaus sicher lenken. Eine aufwändige und originalgetreue Rekonstruktion des Autos lässt sich im Museum Autovision in Altlußheim bewundern.
Es sieht aus wie ein Krankenfahrstuhl, surrt wie eine kleine Straßenbahn vor sich hin und zieht alle Blicke auf sich. Das elektrische Tricycle von William Ayrton und John Perry ist 130 Jahre alt und schafft sage und schreibe 18 km/h. Die Lenkung ist etwas knifflig, man muss mit der rechten Hand nach hinten greifen und an einer Kurbel drehen. Doch der Antrieb schnurrt fast so reibungslos wie beim neuen Elektro-Smart.
Horst Schultz vom Museum Autovision in Altlußheim, unweit von Hockenheim, hat den stromernden Methusalem nachgebaut. Mehr als 1000 Arbeitsstunden haben Schultz und das Museumsteam investiert. Als Quellen dienten ihnen zwei Kupferstiche aus dem Jahr 1881 und technische Beschreibungen. Der Aufwand, den Stromer originalgetreu zum Leben zu erwecken, war enorm. Doch er hat sich gelohnt. Schließlich fährt hier das erste Elektroauto der Welt vor.
Autos mit Verbrennungsmotoren gelten oft als Speerspitze der Antriebe, dabei war es umgekehrt: Erst kamen die Stromer, dann die Verbrenner. Wenn man die grobschlächtigen und kaum alltagstauglichen Dampfwagen mitzählt, die bereits im 18. Jahrhundert konstruiert wurden, wird der Hype um das Jubiläum "125 Jahre Automobil" noch unverständlicher. Zahlen aus dem Jahr 1900 machen deutlich, dass das Rennen selbst 14 Jahre nach dem ersten Patent-Motorwagen keineswegs entschieden war. Damals fuhren 40 Prozent aller Automobile mit Dampf, 38 Prozent mit Elektroantrieb und nur 22 Prozent mit Benzin.
Dass der erste straßentaugliche Stromer von 1881 – elektrische Miniaturautos gab es schon vorher – so schnell in Vergessenheit geriet, hatte mehrere Gründe. Die geringe Reichweite der Stromer war schon damals ein Knackpunkt. Das Aufladen war kompliziert und erforderte stationäre Generatoren. Außerdem legten die Wissenschaftler William Ayrton und John Perry keinen Wert auf PR. Während Bertha Benz mit dem Automobil ihres Ehemanns öffentlichkeitswirksam die erste Fernfahrt vollführte, wollten Ayrton und Perry wohl keineswegs die Pferdekutsche ersetzen. Ihr Stromer diente vor allem als Show Car, mit dem sie der Fachwelt neue Technologien wie die Edison-Glühbirne oder die von ihnen entwickelten Messgeräte Voltmeter und Ampere-Meter demonstrierten.
Trotzdem war der Antrieb ihres Gefährts 1881 eine kleine Sensation. Ein paar Monate früher hatte der Franzose Gustave Trouvé ein ähnliches Dreirad konstruiert, das jedoch kaum fahrbar war. "Trouvés Batterietechnik mitsamt der Geschwindigkeitsregelung war eher belustigend als straßentauglich. Über Seilzüge wurden die Bleiplatten in die Säure der offenen Batterien getaucht. Je nach Tauchtiefe wurde das Dreirad, mit etwas Glück, schneller oder langsamer", beschreibt Museumsdirektor und Elektroingenieur Horst Schultz die Funktionsweise.
Das Tricycle von Ayrton & Perry war dagegen so ausgereift, dass man mit dem Nachbau noch heute ziemlich problemlos Kilometer fressen könnte. Die Geschwindigkeit wird mit der Handkurbel links neben dem Fahrersitz kontrolliert. Sie fungiert als Zellenschalter und schaltet in 6 Volt-Schritten die einzelnen Batterien zusammen. Je weiter man die Kurbel nach links dreht, desto mehr Spannung liegt an und desto schneller wird das Fahrzeug. Statt der wiederaufladbaren Bleibatterien, die 1881 immerhin 40 Kilometer Reichweite ermöglichten, bauten Horst Schultz und sein Museumsteam moderne Lithium-Eisen-Phosphat-Akkus ein. Damit steigt die Reichweite auf 70 Kilometer.
Wenn man auf dem Stromer von Ayrton & Perry an all den Benzinkutschen vorbei durch die Straßen surrt, lässt einen dieser Gedanke nicht mehr los: Wie könnte die Welt heute aussehen, wenn man von Anfang an auf den Elektroantrieb gesetzt hätte? Eine ähnliche Frage stellte sich schon 1884 ein Autor der Zeitschrift "Das neue Universum", als er einen Artikel über das Tricycle der Briten verfasste. Geradezu überschwänglich beschreibt der Autor die Vorzüge des elektrischen Velocipeds gegenüber solchen mit Gas- oder Dampfbetrieb.
In jedem größeren Ort werde es bald Geschäfte geben, in denen man leere Akkumulatoren abliefert und aufgeladene bekommt – "etwa wie man Selterswasser oder Bierflaschen den Kunden ins Haus schafft und die ausgetrunkenen dabei wieder mitnimmt", so die Vision von 1884. Wenn Elektro-Pionier Shai Agassi heute sein Batterie-Wechselsystem "Better Place" anpreist, realisiert er also tatsächlich eine uralte Idee. Das erste Elektroauto der Welt steht nun neben einem historischen Fahrrad-Tricycle im Museum Autovision. Als Nachbau befindet sich das Gefährt in bester Gesellschaft: Auch vom Benz’schen Patent-Motorwagen existieren nur noch Repliken und keine Originale mehr.
press-inform / Sebastian Viehmann
Ernst schrieb:
am 13. Februar 2012 um 09:15:29
Ampere
Man sollte doch erwarten dürfen, dass Autoren solcher Artikel wenigsten die 7. Klasse erfolgreich abgeschlossen haben. In Physik...
Wie sagte mir ein Journalist: "Wir sind der Berufsstand mit dem umfangreichsten Halbwissen." Stimmt, denn der wusste wenigsten, dass Ampere was mit Elektrizität zu tun hat ;-)
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garantextra schrieb:
am 27. Januar 2012 um 11:41:41
Elektroauto
Eines verstehe ich nun wirklich nicht , aber das brauche ich wohl auch nicht !
Schon vor dem 2. Weltkrieg , während und auch
noch danach , bis Ende der 1950ziger Jahre , fuhren Elektroautos und zwar als Postwagen ! Die Idee ist alt , warum wird heute solch ein Theater gemacht , die Auto-Konzerne arbeiten doch dagegen , ansonsten würden keine Benzin und Diesel-Kutschen mehr fahren !
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holli schrieb:
am 24. Januar 2012 um 14:50:57
@harry
Genauso könnte man fragen, warum alte Schlösser wieder aufgebaut werden. Und da werden riesige Summen investiert. Diskutieren Sie
doch mal mit einem Archäologen über den Sinn seiner Arbeit.
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