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Das Millionengeschäft mit dem Klimawandel

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Das Millionengeschäft mit dem Klimawandel

09.11.2011, 14:42 Uhr | bas/mt, dpa

Ist der Handel mit CO2-Zertifikaten bloß ein großer Klima-Schwindel? (Quelle: rtr)

Ist der Handel mit CO2-Zertifikaten bloß ein großer Klima-Schwindel? (Quelle: rtr)

Auch die Eurokrise kann ein dringendes Problem dieses Planeten nicht verdrängen: Den Klimawandel. Der globale CO2-Ausstoß steigt so schnell wie nie. Und es zeigt sich: Der 2005 gesetzlich in der EU eingeführte Emissionshandel nutzt nicht, wie geplant, nur dem Klima. Denn der Handel mit den Emissionszertifikaten ist äußerst lukrativ. Die Unternehmen machen Millionengeschäfte mit den CO2-Zertifikaten. Von einem Klima-Goldesel sprechen deshalb die Umweltschützer des BUND und von Germanwatch. Unternehmen wie ThyssenKrupp würden Millionengeschäfte mit CO2-Verschmutzungsrechten machen, statt den Ausstoß des Klimakillers Kohlendioxid massiv zu reduzieren, kritisieren sie.

Erderwärmung nicht mehr aufzuhalten

Eine am Dienstag vorgestellte Studie zeigt, dass die Maßnahmen zum Klimaschutz in Deutschland und der EU Tücken und Nebenwirkungen haben. Neue Zahlen belegen: 2010 haben die 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer weit mehr CO2 ausgestoßen als erwartet. Die globale Erderwärmung ist so nicht aufzuhalten. Die Studie der britischen Umweltorganisation Sandbag nimmt den EU-weiten Handel mit Kohlendioxid-Verschmutzungsrechten ins Visier, in den 2012 auch die Abgase von Flugzeugen einbezogen werden sollen. Trotz seiner Bedeutung ist das EU-Emissionshandelssystem, mit dem rund die Hälfte der EU-weiten CO2-Ausstöße erfasst werden, in der Öffentlichkeit recht unbekannt.

Funktion des Emissionshandels

Der Emissionshandel für CO2-Emission wurde in der Europäischen Union 2005 gesetzlich eingeführt. Der Handel gilt für bestimmte Branchen und soll helfen, den Ausstoß von CO2 zu verringern. Das Konzept sieht vor, dass für den Emissions-Ausstoß innerhalb eines konkreten Gebietes, also etwa innerhalb einer Region oder eines Landes und eines konkreten Zeitraums bestimmte Obergrenzen festgelegt werden.  Die Emissionsrechte für das jeweilige Gebiet werden entsprechend dieser Grenzen ausgegeben, ein Zertifikat berechtigt zum Ausstoß einer bestimmten Menge an Emissionen.

Die Zertifikate werden entweder von der Politik verteilt oder durch Versteigerung frei gehandelt. Dann bestimmt die Nachfrage den Preis. Unternehmen, die Emissionen ausstoßen, müssen also über die entsprechenden Berechtigungen verfügen, sonst ist der Ausstoß strafbar. Wer seine Zertifikate verbraucht hat, kann entweder in Technologien investieren, die den Emissionsausstoß dauerhaft senken oder weitere Zertifikate erwerben. So kann es zu einem Zertifikathandel zwischen den Unternehmen kommen, denn beim Emissionshandel ist es unwichtig, wo die Emissionen vermieden werden, allein die Einhaltung der gesamten Obergrenze zählt.

Geschäftemacherei mit dem Weltklima

In der Einführungsphase der Zertifikate bekamen die Unternehmen 2008 von der Politik viele kostenlose Verschmutzungsrechte zugeteilt. Durch die Wirtschafts- und Finanzkrise waren viele Unternehmen in der Produktion nicht ausgelastet und hatten dadurch auch einen verringerten Emissionsausstoß. Die Unternehmen konnten in dieser Zeit also Emissionszertifikate sparen und der Markt wurde mit vielen CO2-Zertifikaten überschwemmt.

Das wird zunehmend zum Problem, denn überschüssige Zertifikate können durch den Verkauf an andere Verschmutzer viel Geld bringen. Der Studie zufolge haben die zehn größten deutschen Profiteure bisher rund 60 Millionen überschüssige CO2-Zertifikate im Wert von geschätzten 800 Millionen Euro angehäuft. So besitze ThyssenKrupp überschüssige Zertifikate im Wert von rund 250 Millionen. Die Firma habe bis heute immer mehr Zertifikate besessen als CO2 ausgestoßen wurde – und sei somit durch den Handel nicht belastet worden.

Wo bleibt die Glaubwürdigkeit?

BUND-Chef Hubert Weiger kritisiert: "Der Emissionshandel in seiner jetzigen Form ist eine Gelddruckmaschine für die energieintensive Industrie". Gerade vor dem Weltklimagipfel in Durban wäre eine Kappung der Zertifikate ein wichtiges Signal für die Glaubwürdigkeit Deutschlands in Sachen Klimaschutz, sagt er. Ein ThyssenKrupp- Sprecher betont, die These einer Überversorgung seines Konzerns sei falsch – nur 2009 habe es zu viele Zertifikate gegeben, als wegen der Krise Stahlwerke nur zu 50 Prozent ausgelastet waren. Hinzu kommt, dass der Handel bis 2013 weiter verschärft werden wird. BASF rechnet dann durch die Einbeziehung der Industriestromproduktion in den Emissionshandel mit jährlichen Extrakosten von 100 Millionen Euro.

Tropfen auf den heißen Stein

Der Präsident des Umweltbundesamts (UBA), Jochen Flasbarth, will daher von einer Schieflage durch den Emissionshandel nichts wissen. Grundsätzlich funktioniere dieser gut. "Er deckelt die Emissionen aus Industrie und Energieerzeugung." Allerdings seien durch zu viele Zertifikate Klagen der Industrie über zu hohe Belastungen durch den Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten völlig fehl am Platze. Wie dringlich aber die Lage ist, zeigen die neuesten Zahlen. Während Europa Emissionen spart, werden sie durch immer mehr Kohlekraftwerke in Ländern wie China umso stärker ausgestoßen. Nach Angaben des US-Energieministeriums gelangten 2010 mehr als 33.500 Millionen Tonnen CO2 weltweit in die Atmosphäre – ein Rekord. Auch in Deutschland waren die Treibhausgasausstöße 2010 wegen eines sehr strengen Winters und einer zulegenden Konjunktur leicht um 4,3 Prozent gestiegen. Mit einem Gesamtausstoß von 960 Millionen Tonnen bleibt Deutschland aber nach wie vor unter dem Kyoto-Zielwert – gemäß der festgelegten Werte im bisher einzigen bindenden Klimaabkommen sank der deutsche Ausstoß seit 1990 um 23,1 Prozent.

Klimatiger ohne Zähne

Da China sich als Entwicklungsland damals nicht zu Reduzierungen verpflichten musste und die USA nicht mitmachten, ist das Kyoto-Protokoll heute ein Klimatiger ohne Zähne. Die EU-Emissionen machen heute wegen des Energiehungers in Asien – eine direkte Folge von Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum – nur noch 11 Prozent der globalen Ausstöße aus. Ein neues, weltweites Abkommen als Nachfolgerin des 2012 auslaufenden Kyoto-Protokolls ist auch für Durban nicht in Sicht. Um das Ziel zu erreichen, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, müssten die CO2-Emissionen weltweit von 2000 bis 2050 aber um 80 Prozent sinken.

Quelle: bas/mt, dpa


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