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Drei Briten bauen aus Meer-Müll neue Stühle

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Modische Antwort auf den Müll der Meere

22.03.2012, 09:24 Uhr | ube

Das "Project Sea Chair" will mit Müll aus dem Meer Plastikstühle herstellen.  (Quelle: Sea Chair Project)

Das "Project Sea Chair" will mit Müll aus dem Meer Plastikstühle herstellen. (Quelle: Sea Chair Project)

Unmengen von Plastikabfall treiben in den Weltmeeren. Die dreckigen Strudel bestehen aus winzigsten Plastikteilchen, die sich nicht von konventionellen Müllsammelsystemen erfassen lassen. Viele Meerestiere halten die Kunststoffteile für Nahrung und verenden qualvoll daran. Wie aber mit dem Müll umgehen? Lässt sich daraus noch etwas Sinnvolles gestalten? Designer aus Großbritannien hatten eine kreative Idee: Aus Kunststoff-Müll wollen sie Plastik-Stühle machen.

Dreckige Strudel

Der "Pacific Garbage Patch", der Pazifik-Müll-Fleck, ist ein gigantischer Wirbel aus Abfall-Teilchen. Er ist mindestens so groß wie Zentraleuropa. Und es gibt weitere dreckige Strudel in den Weltmeeren. Das wissen auch Azusa Murakami and Alexander Groves. Gemeinsam mit Kieren Jones haben die britischen Designer das Projekt "Sea Chair" ins Leben gerufen. Die Idee ist einfach: Aus dem Kunststoff-Müll der Meere machen sie Plastik-Stühle.

Müll von oben bis unten

Das Designer-Trio sammelt den Abfall nicht nur an den Stränden, sondern fischt die Plastikteilchen auch aus dem Meer. Die so genannten Plastik-Pellets schwimmen an der Wasseroberfläche. "Es gibt Teile auf der Oberfläche und auch Müll am Meeresgrund", erläutert die Meeresbiologin Iris Menn. "Der Hauptteil des Abfalls ist in der Wassersäule." Die Weltmeere sind also von oben bis unten voller Müll.

Verhungern mit vollem Magen

Das ist fatal für die Meerestiere, vor allem viele Vögel essen den Plastikmüll. Dieser verstopft ihnen den Magen. Wie beim Menschen signalisieren dem Tier Hormone: Der Magen ist voll – es ist kein Platz mehr für Flüssigkeit und Nahrung. So verdursten und verhungern die Tiere qualvoll mit einem Magen voller Müll.

Keiner bleibt verschont

Alle Lebewesen, die im Meer sind, nehmen den Müll auf – auf dem einen oder anderen Wege. Auf die Korallenriffe legt sich der Dreck, der Unrat bedeckt die Tiere am Meeresboden. Und wer nicht selbst Abfall frisst, der isst ein Tier, das Müll im Magen hat. Viele Meeresbewohne verwechseln die feinen Plastikteile mit Plankton – so gesehen landet ein Teil des Mülls sogar auf unserem Speiseteller. Das gesamte Ökosystem leidet und wird immer mehr bedroht.

Späte Erkenntnis

Spät erfuhr die Weltöffentlichkeit von dem Ausmaß des Problems. Erste Berichte über den "Great Pacific Garbage Patch" gab es erst in den 90er Jahren. In dem gigantischen Wirbel aus Abfall-Teilchen treiben Millionen Tonnen Kunststoff. Doch der Müll breitet sich im gesamten Meer aus: 13.000 Plastikteilchen schwimmen im Durchschnitt auf einem Quadratkilometer Fläche der Ozeane, das ergab eine Studie der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2005.

Mülltagebuch ist Pflicht

Mit MARPOL hatte die Politik 1973 ein internationales Übereinkommen getroffen, um die Meeresumwelt zu schützen. Die Anlage V, die 1988 in Kraft trat, soll die Verschmutzung der Ozeane durch Schiffsmüll verhindern. Konkret verpflichtet die Politik die kommerziellen Schiffe, ein Mülltagebuch zu führen. Darin muss dokumentiert sein, was mit dem an Bord anfallenden Abfall geschieht. Es ist verboten, Kunststoffe ins Meer einzuleiten.

Kritik an der Kontrolle

Umweltschützer halten das Abkommen für gut, bemängeln aber dessen Umsetzung. "Es müsste mehr Kontrollen geben und härtere Strafen", fordert Greenpeace Deutschland. Offensichtlich geht noch immer Müll über Bord – auch wenn potentiell Betroffene von "erheblichen Strafen" sprechen. In Deutschland gibt es Bußgelder bis zu 50.000 Euro. Ein möglicher Lösungsansatz: Schiffe dürfen ihre Abfälle kostenlos in den Häfen entsorgen. Dafür müsste die Politik die Rahmenbedingungen schaffen.

Flussabwärts ins Meer

Der über Bord geworfene Schiffsmüll ist nur ein Weg, wie Abfall ins Meer gerät. Hinzu kommen verloren gegangene Ladungen. Traurige Bekanntheit erreichte der Fall des Frachters Hansa Carrier, der mehr als 60.000 Turnschuhe verlor. Die Masse an Müll aber kommt über die Flüsse ins Meer – auf offiziellem oder auch unerlaubtem Weg.

Lösung an Land

Noch immer ist es nicht verboten, den Hausmüll über die Flüsse ins Meer zu entsorgen. So gelangen Massen an Müll ganz legitim ins Meer. Kritiker fordern, weniger Abfall über die Flüsse in die Meere einzuleiten. Der nachhaltigste Ansatz wäre wohl, weniger Dreck zu schaffen. Rund 125 Millionen Tonnen Kunststoff werden derzeit pro Jahr produziert. Für Umweltschützerin Minn ist klar: "Die Veränderung muss an Land stattfinden."

Quelle: ube


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