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EU fördert: Algen in den Tank

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EU fördert: Algen in den Tank

23.10.2012, 18:06 Uhr | dpa, feelgreen.de

Algen als Biosprit? (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Algen als Biosprit? Die in Frage kommenden Gewächse sehen anders aus: Es sind gezüchtete Mikroalgen (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die große Kehrtwende ist es nicht - aber ein allmählicher Schwenk. Die EU-Kommission will den Boom von Biokraftstoffen aus Nahrungsmitteln stoppen. Fördern will Brüssel die Entwicklung wirklich klimafreundlichen Sprits etwa aus Algen oder Müll.

Denn: Biosprit ist oft gar nicht bio: Wenn Soja oder Raps zu Treibstoff werden, müssen wichtige Waldgebiete weichen. Und: Was im Tank landet, fehlt auf dem Teller. Dem will die EU-Kommission nun Einhalt gebieten.

Was ist Biosprit?

Biokraftstoffe werden aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen. In der EU entfallen rund drei Viertel der Produktion auf Biodiesel, der meist aus Raps stammt. Ein Viertel ist Bioethanol, der aus Zuckerrüben oder Getreide (Weizen, Roggen oder Mais) gewonnen wird. Energiepflanzen werden auf zwei Prozent der EU-Agrarflächen angebaut - weltweit sind es drei Prozent. Beim Verbrauch im Motor verursachen sie wesentlich weniger Treibhausgase als Öl oder Gas.

Warum gibt es Zweifel am Pflanzensprit?

Weil nicht nur die Verbrennung im Motor Auswirkungen auf die Umwelt hat. Der Anbau bringt mitunter ökologische Nachteile mit sich: Wenn ein Bauer in Europa auf seinem Feld nur noch Energiepflanzen anbaut, muss das früher dort wachsende Getreide in einem anderen Erdteil erzeugt werden. In Entwicklungsländern holzen Bauern häufig Regenwald ab oder legen Feuchtgebiete trocken. Das alles verschlechtert die Klimabilanz von Biosprit.

Haben alle Biokraftstoffe ähnliche Klima-Auswirkungen?

Nein. Das erkennt auch die EU-Kommission in ihrem aktuellen Gesetzesvorschlag an. So stuft sie ölhaltige Pflanzen als schädlicher ein als zuckerhaltige. Am besten schneidet etwa Getreide ab. Auf eine genauere Bewertung der Klimafolgen verzichtet die Brüsseler Behörde aber vorerst noch. Hier sei die Datenlage noch zu dünn, heißt es.

Was ändert sich künftig?

Die EU hat sich das Ziel gesetzt, dass zehn Prozent der Energie im Transportbereich im Jahr 2020 aus erneuerbaren Energien kommen soll. Höchstens die Hälfte davon soll aus Nahrungspflanzen-Biokraftstoffen stammen. Kraftstoffe aus Pflanzenabfällen, Algen, Stroh oder Klärschlamm sollen sich besser anrechnen lassen, weil sie als klimafreundlich gelten. Staatliche Förderung für Biosprit aus Rüben, Mais oder Getreide soll auf Dauer wegfallen.

Sprit aus Algen oder so - wie geht das?

Ein Beispiel aus Österreich: Dort, genauer gesagt in Bruck an der Leitha in Niederösterreich, ist dieser Tage die weltweit größte Algenzuchtanlage ihrer Art eröffnet worden. Dort werden Mikroalgen gezüchtet, aus denen dann später Bio-Treibstoff gewonnen werden kann. Das Besondere bei dem Verfahren des Start-Up-Unternehmens Ecoduna ist, dass die Algen kontinuierlich durch in sich drehende Bioreaktoren fließen, sodass sie besonders gut wachsen können. Bis zu 300 Tonnen Bioalgen pro Hektar Fläche will die Firma in ihrer Zuchtanlage pro Jahr produzieren, ohne dass Nahrungspflanzen benutzt werden müssen.
Aufwendig, aber angeblich wirtschaftlich, sagt die Firma Ecoduna. Wissenschaftler sind da skeptischer. Aber es gibt einen weiteren Clou bei der Alge: Sie ernährt sich vom Kohlendioxid, das herkömmliche Energieproduzenten wie Kohlekraftwerke ausstoßen.

Vollzieht die EU-Kommission eine Kehrtwende?

Die Kommission schwenkt allmählich um: Jahrelang hat Brüssel Pflanzensprit als Heilmittel gegen den Ausstoß von Treibhausgasen propagiert. Jetzt reagiert die EU-Kommission auf Kritik von Entwicklungshelfern und Umweltschützern. Die noch im September angedachte große Kehrtwende ist der Vorschlag aber nicht mehr, weil die Kommission den Klimanutzen einzelner Pflanzen nicht bewertet.

Was sagt die Branche?

Die Biospritbranche fürchtet einen Absatzeinbruch und die Drosselung der Produktion. "Das führt zu Arbeitsplatzverlusten und mehr CO2-Ausstoß", sagte Elmar Baumann, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB). Laut Industrie ist es ohne staatliche Finanzierung unmöglich, die gewünschten Biokraftstoffe der zweiten Generation - etwa aus Cellulose von Stroh oder Holz - zu entwickeln.
Auf der anderen Seite birgt die Entwicklung von Verfahren wie in Österreich natürlich die Chance neue Arbeitsplätze in anderen Bereichen zu schaffen.

Was sagen Umweltschützer?

Der WWF bemängelt, dass die Kraftstofflieferanten nicht zwischen mehr oder weniger klimafreundlichen Treibstoffen unterscheiden müssen, um ihre Umweltziele zu erreichen. "Die EU-Kommission hat die erhebliche Entwaldung und die Klimaemissionen durch Biokraftstoffe praktisch ignoriert", sagt "Friends of the Earth Europe".

Bedeutet dies das Aus für Biosprit wie E10?

Nein. Die EU-Kommission schreibt: "E10 sollte innerhalb der EU ohne Verzögerung eingeführt werden." Es ist Sache jedes einzelnen Staates, über den Energiemix zu entscheiden und zu klären, wie die Quote für erneuerbare Energien im Transportbereich erreicht wird.

Wann könnten die neuen Regeln in Kraft treten?

Europaparlament und EU-Staaten müssen noch zustimmen, dies dürfte ein bis zwei Jahre dauern. 2017 steht zudem eine Überarbeitung der Gesetzgebung an.

Quelle: dpa, feelgreen.de


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