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Fälschungsskandal: Lebensmittel als "Bio-Ware" verkauft

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Dreiste Bande verkaufte Ware als "Bio"

27.12.2011, 16:18 Uhr | AFP, dpa

Dreiste Bande fälschte Lebensmittelzertifikate - und verkaufte "Bio-Ware" auch nach Deutschland. (Quelle: imago/Europäische Kommission)

Dreiste Bande fälschte Lebensmittelzertifikate - und verkaufte "Bio-Ware" auch nach Deutschland. (Quelle: Europäische Kommission/imago)

Eine Fälscherbande aus Italien hat über Jahre mit falsch deklarierten Lebensmitteln Millionen verdient. Die angebliche "Bio"-Ware wurden dabei in ganz Europa vertrieben – auch in Deutschland. Nach Angaben der Behörden wurden nun Lieferlisten zum Teil schon ausgewertet. Anfang Dezember 2011 hatte die Polizei in der norditalienischen Stadt Verona 2500 Tonnen falsch deklarierte Öko-Waren wie Mehl und Obst beschlagnahmt.



Kontrollen in Deutschland positiv

Außen "Bio", drinnen ganz normale Ware: Ein Großbetrug mit gefälschten Öko-Lebensmitteln in Italien hatte auch die deutschen Behörden alarmiert. Anhand der Lieferlisten, die mittlerweile aus Rom eingetroffen seien, konnten bis dato rund 550 Tonnen falsch deklarierte Ware ausfindig gemacht werden. Direkt beliefert wurden nach Angaben des Bundesagrarministeriums Unternehmen in Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

Bei den Produkten handelte es sich wohl überwiegend um Sojabohnen, Sojakuchen und Rapskuchen, die vor allem als Futtermittel verwendet werden. Die Listen enthielten weitere Angaben zu Produkten und Transaktionen sowie zu Lieferanten, die im Zuge der Ermittlungen auffällig geworden seien. Wegen des laufenden Verfahrens in Italien seien die Listen aber noch nicht vollständig. Die Regierung in Rom habe weitere Informationen zugesagt.

Mehr Transparenz für Verbraucher

Nach dem Auffliegen des Betrugs haben Verbraucherschützer eine bessere Rückverfolgbarkeit für Bioprodukte gefordert. Zertifizierte Biobetriebe müssten EU-weit in eine Liste aufgenommen werden, forderte die Lebensmittelexpertin des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv), Juttta Jaschke, in der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Eine solche Liste würde es Importeuren und den Behörden anderer Länder leichter machen, Betrugsfälle mit falschen Zertifikaten aufzudecken." Jaschke sagte, es gebe aber keinen Grund, die Qualität von Bioware grundsätzlich in Zweifel zu ziehen. "Fälscher gibt es in jeder Branche. Die Systeme, ihnen das Handwerk zu legen, müssen aber verbessert werden."

Das Bundesverbraucherministerium will die Anforderungen an Öko- Kontrollstellen erhöhen. Eine entsprechende Verordnung sei dafür bereits an den Bundesrat gegangen und könne bei Zustimmung der Länderkammer im Februar in Kraft treten.

Verhaftung von sieben Verdächtigen

Die Polizei in Italien verhaftete nach eigenen Angaben vom Dienstag sieben Verdächtige, unter ihnen auch Vertreter von Lebensmittelfirmen. Sie seien am Mittwoch weiter in Haft gewesen. Gegen 13 weitere Menschen werde ermittelt. Die mutmaßlichen Fälscher sollen seit 2007 mehrere hunderttausend Tonnen angeblicher Bio-Produkte im Wert von etwa 220 Millionen Euro verkauft haben. Hauptanklagepunkt sei Steuerhinterziehung, es werde aber auch wegen Fälschung ermittelt, teilte die Polizei mit.

Mogelware in ganz Europa vertrieben

Nach offiziellen Angaben lief der Schwindel so: Die vermutlich herkömmlichen Produkte wurden in Italien und Rumänien angekauft. Dann wurden sie zu Öko-Lebensmitteln umdeklariert und schließlich zu höheren Preisen verkauft – außer in Italien auch nach Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Spanien, Belgien, Frankreich, Ungarn und der Schweiz. Beschlagnahmt wurden Lebensmittel wie Weizen, Sojabohnen, Mehl und Obst.

Lebensmittel sind laut Ministerium sicher

Trotz des Öko-Skandals in Italien können Verbraucher nach Einschätzung von Experten Bio-Lebensmitteln generell weiter vertrauen. "Nach bisherigem Kenntnisstand sind gesundheitliche Aspekte der Verbraucher nicht betroffen. Wir und die zuständigen Behörden nehmen diesen Fall von Etikettenschwindel bei Bio-Produkten sehr ernst.", sagte eine Sprecherin des Ministeriums. Für solche Fälle gebe es auch ein europäisches Informationssystem, in das die Mitgliedsstaaten gegenseitig Daten einstellen.

Ebenfalls zuversichtlich ist Stephan Dabbert von der Universität Hohenheim in Stuttgart. "Man kann im Wesentlichen davon ausgehen, dass dort, wo Bio drauf steht auch Bio drin ist.", berichtete er gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Der Agrarökonom hatte mit Kollegen aus sieben Ländern das Öko-Kontrollsystem in der Europäischen Union unter die Lupe genommen. Dabei habe sich gezeigt, dass die Kontrollen in den Staaten ernst genommen würden. Eine europaweit einheitliche Kontrolle der Kontrolleure sei aber dringend nötig. "Denn wenn die Kontrolleure fälschen, dann wird es schwierig."

Super-Kontrolle ist zu teuer

"Eine hundertprozentige Sicherheit kann man aber nicht herstellen", sagte der Forscher. Gegen vorsätzlichen Betrug etwa sei kaum etwas auszurichten. Ein perfektes Kontrollsystem wäre seiner Ansicht zudem viel zu teuer. 2008 seien in der EU etwa 100 Millionen Euro für die Öko-Kontrolle ausgegeben worden. Das entspreche einem halben Prozent des Branchenumsatzes. Die Ergebnisse der Studie, die von der EU-Kommission gefördert wurde, sollen spätestens in vier Wochen veröffentlicht werden.

Quelle: AFP, dpa


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