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Fossile Energiestoffe: Müssen die Länder enteignet werden?

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Fossile Energiestoffe: Müssen die Länder enteignet werden?

06.03.2015, 12:23 Uhr | Simone Humml, dpa

Klimaschützer warnen: Nur zehn Prozent der bekannten fossilen Energieträger sollten noch genutzt werden. (Quelle: dpa)

Klimaschützer warnen: Nur zehn Prozent der bekannten fossilen Energieträger sollten noch genutzt werden. (Quelle: dpa)

Um das Klima und damit unsere Erde zu schützen, dürften Staaten mit fossilen Energieträgern den größten Teil ihrer Rohstoffressourcen nicht anfassen. Das mahnt der Weltklimarat. Geht es allerdings um wirtschaftliche Interessen, erweisen sich viele Verantwortliche als blind gegenüber den Gefahren des Klimawandels. Was muss geschehen, damit die Länder ihre Kohle im Boden lassen?

Falls der Mensch alle derzeit bekannten Lagerstätten von Kohle, Öl und Gas nutzen sollte, entstünden nach aktuellen Schätzungen etwa 11.000 Milliarden Tonnen Kohlendioxid. Wenn die Erderwärmung in erträglichen Grenzen von zwei Grad Celsius gehalten werden soll, dürfen laut dem Weltklimarat IPCC jedoch nur noch rund 1100 Milliarden Tonnen des Treibhausgases in die Atmosphäre gelangen. Gut 90 Prozent der heute erfassten fossilen Brennstoffe - und alle, die zukünftig noch entdeckt werden - müssten demnach im Boden bleiben.

Das wäre eine historisch beispiellose Entwertung fossiler Ressourcen und damit faktisch eine Enteignung von deren Besitzern, meint der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (Pik), Hans Joachim Schellnhuber, unter anderem mit Blick auf die Ölscheichs und Länder mit Kohleflözen. Tatsächlich haben einige Ölstaaten auf Klimakonferenzen schon Entschädigungszahlungen gefordert, falls sie ihre Rohstoffe aus Klimaschutzgründen in der Erde lassen sollen.

Ökosysteme in Gefahr

Beutet der Mensch diese Ressourcen weiter wie bisher aus, wird die Temperatur auf der Erde laut IPCC bis zum Jahr 2100 im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung um 3,7 bis 4,8 Grad steigen. Das würde viele Ökosysteme überfordern, warnt Schellnhuber.

In einem Teil des Westantarktischen Eisschildes sei das Schmelzen wahrscheinlich jetzt schon nicht mehr aufzuhalten: "Das Klimasystem reagiert sehr, sehr langsam - aber einmal in Gang gekommen, sind das dann zum Teil unumkehrbare Veränderungen. Das Hinterhältige ist, dass die Entscheidungen über das Klima der Zukunft eben heute getroffen werden." Entscheidend seien die nächsten zehn bis 20 Jahre.

In der Industrie rechne fast niemand damit, fossile Rohstoffe im Boden lassen zu müssen, kritisiert Schellnhuber mit Blick auf das Weltwirtschaftsforum Ende Januar. "Meine Erfahrung in Davos war wieder: Diese Notwendigkeit ist kaum jemandem bekannt - nicht mal den Leuten, die eigentlich im Ressourcengeschäft unterwegs sind. Das wird nicht eingepreist in die Konzernstrategien."

Fossile Energieträger müssen unrentabel werden

Der Begriff Enteignung sei natürlich das größte Schreckgespenst unter allen denkbaren Maßnahmen. Schellnhuber erwarte keine großräumige Enteignung per Dekret, sondern eine "industrielle Transformation". Deren Zutaten seien vor allem technischer Fortschritt und öffentlicher Druck, aber wahrscheinlich auch Steuern oder etwa Einspeisetarife für Ökostrom, meint Schellnhuber.

In der Geschichte seien solche De-facto-Enteignungen durch Innovation ständig passiert. Als Beispiel nennt er die Pastel-Industrie, die im 14. und 15. Jahrhundert einigen Menschen zu großem Reichtum verholfen habe. Das aus der Pastel-Pflanze gewonnene "blaue Gold" Frankreichs wurde danach jedoch durch billigeres Indigo ersetzt. Für das aktuelle Problem hieße das: Wenn die erneuerbaren Energien kostengünstig, stabil und leicht erreichbar seien, "dann gibt es eigentlich keinen Grund mehr, Kohle aus der Erde zu kratzen".

Die Chefin des UN-Klimasekretariats, Christiana Figueres, gibt sich optimistisch. Die Solar- und die Windenergie seien global gesehen nicht mehr Außenseiter. "Die Investitionen dafür steigen. 2014 haben sie 312 Milliarden Dollar erreicht, 16 Prozent mehr als 2013", schreibt sie nach dem Wirtschaftsgipfel in Davos in ihrem Blog.

Energie aus diesen Quellen werde immer günstiger. Solarstrom habe in Dubai gerade einen Tiefstpreis von 5,98 US-Cent (5,35 Euro-Cent) pro Kilowattstunde erreicht - das ist weit günstiger als Atomstrom.

Subventionen für fossile Brennstoffe behindern die Energiewende

Weitere Lichtblicke für den Klimaschutz sind, dass etwa US-Fonds, die Weltbank und die staatliche deutsche Förderbank KfW zunehmend alternative Energien unterstützen. So will sich der umgerechnet 760 Millionen Euro schwere, gemeinnützige Investmentfonds der Öl-Dynastie Rockefeller schrittweise aus Geschäften mit Öl und Kohle verabschieden und dafür mehr Geld in regenerative Energien stecken. Die KfW hat nach eigenen Angaben 2014 insgesamt 26,6 Milliarden Euro in Klima- und Umweltprojekte gesteckt - Tendenz steigend.

Nach Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) werden Kohle, Öl und Gas aber noch stark gefördert. "Die Subventionen für fossile Brennstoffe betrugen 2013 insgesamt 550 Milliarden Dollar - über das Vierfache der Subventionen für erneuerbare Energien - und behindern so Investitionen in Energieeffizienz und erneuerbare Energien", schrieb die IEA in ihrem Energie-Ausblick 2014. In Nahost würden fast zwei Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte pro Tag zur Stromerzeugung verwendet, obwohl ohne Subventionen die wichtigsten Technologien erneuerbarer Energien konkurrenzfähig gegenüber Ölkraftwerken wären.

Quelle: Simone Humml, dpa


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