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Grüne Architektur: Klimaschutz statt Design-Trend

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Wenn Architektur atmet

24.04.2012, 12:33 Uhr | Raufeld

Die hängenden Gärten der School of Arts in Singapur. (Quelle: Foto: Patrick Bingham Hall)

Die hängenden Gärten der School of Arts in Singapur. (Quelle: Foto: Patrick Bingham Hall)

Grüne Architektur ist im Kommen. Wer die zunehmende Begrünung an Hausfassaden und Dächern aber als reinen Design-Trend im Zeitalter eines gestiegenen ökologischen Bewusstseins abtut, liegt falsch. Viele der neuen Bauten vereinen Kultur und Design mit ökologischer Nachhaltigkeit. Vorreiter in grüner Architektur sind ausgerechnet asiatische Länder – die sich bisher nicht durch besonders engagierte Klimapolitik hervortaten.

Grüne Wolkenkratzer

In so genannten Skygardens, bestehend aus Bäumen, Rankpflanzen und blühender Blumenpracht, überwuchert ein sattes Grün die traditionell eher im Hightech-Glanz gewandeten Wolkenkratzer in Metropolen wie Singapur, Bangkok, Mailand oder dem chinesischen Hangzhou.

"In New York oder Dubai stehen Hochhäuser, die nach dem westlichen Ideal als abstrakte Ikonen der Moderne erbaut wurden. Parallel dazu entwickelt sich aber ein neuer dynamischer Begriff von moderner Architektur, der traditionelle Elemente, Lowtech und Begrünung einbezieht, sodass selbst Hochhäuser als vertikale Landschaften wirken", sagt die Architektin Michaela Busenkell. Sie organisierte die Ausstellung "Architektur atmet", die im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main die begrünten Hochhäuser des Architektenduos "WOHA" (Wong Mun Summ + Richard Hassell) zeigte.

"Mehr als schmückendes Beiwerk"

"Grün wird in diesen neun Projekten auch als nützliches Material begriffen, und dient nicht nur als schmückendes Beiwerk", sagt Busenkell. Eines der realisierten Projekte ist das Kongresszentrum im chinesischen Hangzhou, etwa 190 Kilometer südwestlich von Shanghai.

"Diamant" mit Parkanlage

"Nachhaltigkeit", so Architekt Peter Ruge, der mit seinem Team das Zentrum bereits 2010 fertiggestellt hat, "ist in letzter Konsequenz nicht nur Architektur und Technik, sondern auch Kultur und Design. Die Aufgabe ist nun, die einzelnen Ansätze miteinander zu verbinden."

In der Mitte des Gebäudes, das aus sechs einzelnen, jeweils 100 Meter hohen Häusern besteht, und die Stadtverwaltung beherbergt, liegt der "Diamant", wie Ruge ihn nennt: Das runde Kongresszentrum mit einer großzügig angelegten Parkanlage auf seinem Dach. "Wir haben etwas Typisches für die Region entworfen, das die Bürger wieder erkennen."

Architektur mit Wiedererkennungswert

Merkmal der Provinz ist der hochqualitative Anbau von grünem Tee, weshalb Ruge und sein Team die Fassaden des runden Gebäudes wie die feinen Netze aussehen lassen, die die Teefelder bedecken. Nachhaltig ist das Gebäude natürlich nicht nur im Design: "Bis vor ein paar Jahren war China noch zurückhaltend, was grünes Bauen anbelangt", so Ruge, "aber mit unseren aktuellen Projekten werden wir erstmals auch technische Standards erreichen, die hierzulande von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) zertifiziert werden könnten."

Klimaschutz ist in China immer noch Nebensache

Ist China in Sachen Klimaschutz und CO2-Emissionen immer noch alles andere als ein Vorzeigeland, steht hingegen die Außenwirkung ganz oben auf der Liste. Über diesen Weg erreichen Architekten bei den dortigen Behörden anscheinend sehr viel mehr, als wenn sie mit schnöden Klimabilanzen aufwarten würden.


Singapur ist Vorreiter

Wesentlich experimentierfreudiger ist man im Stadtstaat Singapur, wenn es um nachhaltiges Bauen geht: Seit 1992 wird die Metropole als Gartenstadt weiterentwickelt und wartet mit mehreren Projekten im öffentlichen Wohnungsbau auf, die noch einen Schritt weitergehen als der Dachgarten des chinesischen Messezentrums oder der mit Bäumen bepflanzte Büro- und Wohnkomplex "Bosco verticale", der derzeit in Mailand errichtet wird.

Unter der Regie von Wong Mun Summ und Richard Hassell wurden in den vergangenen fünf Jahren bereits drei Hochhäuser realisiert, die derzeit weltweit als Vorbilder für den Bau grüner Riesen gelten. Ihre Projekte greifen das Konzept des Skygardens auf und erschaffen in luftiger Höhe begrünte Vorsprünge, bewachsene Terrassen oder mit Bäumen und Rasen bepflanzte Brückenverbindungen zwischen den Türmen. Hier können sich die Bewohner treffen, wie auf einem traditionellen Dorfanger.

"Ein völlig neuer Hochhaustyp"

"Das besondere an diesen Architekten ist, dass sie traditionelle Elemente der asiatischen Bauweise, ihrer Kultur und des Klimas übertragen und daraus einen völlig neuen Hochhaustyp machen", sagt Michaela Busenkell.

Bislang hätten sich asiatische Projekte an der westlichen Bauweise von Hochhäusern orientiert, die nach außen hin geschlossen und nach innen voll klimatisiert seien, erklärt Busenkell. Aber die grüne Hochhausarchitektur von WOHA entspricht nicht nur in ihrer Ästhetik einer zukunftsweisenden vertikalen Bauweise für das tropische Klima, sie hat auch ganz praktische und so auch wiederum energiesparende Vorteile.

Energie sparen und Luftqualität verbessern

Die Pflanzen und begrünten Vorsprünge bieten Schatten und kühlen die Fassaden – so spart man an Energie für ungesunde Klimaanlagen und Belüftungstechniken. "Innerhalb der Metropolen tragen die Pflanzen außerdem zu einer besseren Luftqualität bei", so Busenkell.

Die Pflege und Wartung dieses vertikalen Supergartens ist denkbar einfach: Die Rankpflanzen wachsen nicht etwa direkt auf der Fassade, wo sie den Putz zerstören könnten. Stattdessen klimmen sie auf kleinen Gittern, die direkt vor die Fassade gespannt sind, in die Höhe. Und da das tropische Klima die Gewächse schnell emporschießen lässt, müssen sie lediglich von Zeit zu Zeit zurückgeschnitten werden.


"Vertical Farming" erreicht Singapur

Das neueste Projekt entsteht ebenfalls in Singapur und soll 2014 fertiggestellt werden: Ein Hochhaus-Wohnkomplex mit Beeten, die von den Bewohnern selbst bewirtschaftet werden können. Hier versuchen die Architekten den Schulterschluss mit einer anderen Bewegung, die in Amerika ihren Ursprung hat.

Der Parasitologe Dickson Despommier gilt als Gallionsfigur der so genannten "Vertical Farmers". Diese modernen Ökobauern entwerfen ganze Skyvillages, Wohneinheiten mit komplexen Bewässerungsanlagen und Beeten, mit Hilfe derer sich Großstädter komplett selbst versorgen können.

"Besonders in Ländern wie China und Indien findet diese Idee großen Anklang", so Dickson, der in diesem Konzept nicht nur ein perfektes Recycling, sondern auch den ökonomischen Gedanken der Lebensmittelversorgung aus der unmittelbaren Region verwirklicht sieht.

Quelle: Raufeld


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