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Kicker-Kraftwerk in Brasilien: Fußballplatz erzeugt Strom

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Kicker-Kraftwerk in Brasilien: Fußballplatz erzeugt Strom

25.05.2016, 14:26 Uhr | Georg Ismar, dpa

Stromerzeugung im Armenviertel: Unter dem Grün sind 200 Kinetik-Platten verbaut worden, die sieben Watt Strom erzeugen können, wenn die Spieler darüber laufen. (Quelle: dpa)

Stromerzeugung im Armenviertel: Unter dem Grün sind 200 Kinetik-Platten verbaut worden, die sieben Watt Strom erzeugen können, wenn die Spieler darüber laufen. (Quelle: dpa)

Geldmangel, eingestürzte Radwege, verschmutzte Gewässer: Rio de Janeiro hat mit zahlreichen Problemen zu kämpfen. Mit einem innovativen Fußballfeld schafft es eine Favela jedoch, zumindest dem chronischen Energiemangel etwas entgegen zu setzen.

In der Favela Morro da Mineira sind auffallend viele Häuser türkisfarben angestrichen. Von weitem kleben dutzende Gebäude wie übereinandergestapelte Schachteln am Berg - alle türkis.

Der Legende nach versteckte sich hier, in der Armensiedlung nahe dem Sambódromo im Zentrum von Rio de Janeiro, ein bekannter Drogenboss. Die Polizei bekam einen Tipp, er sei in einem türkisfarbenen Haus zu finden. Die Bewohner bekamen Wind von der nahenden Polizeioperation und in Windeseile malten sie zig Häuser in der "Tarnfarbe" an.

Jeder Schritt wird in Energie umgewandelt

Heute aber macht Morro da Mineiro mit einer anderen Sache in der Olympiastadt von sich reden. Es geht verwinkelte Straßen hoch, Müll liegt herum, streunende Hunde. Der Tag neigt sich dem Ende zu. Wie ein Ufo, das vom Himmel gefallen ist, liegt umgeben von übereinander gebauten Häuschen ein grell beleuchteter grüner Kunstrasenplatz. Es gibt eine Steintribüne und sechs Flutlichtmasten. So weit, so normal.

Doch unter dem Grün sind 200 Kinetik-Platten verbaut worden, die sieben Watt Strom erzeugen können, wenn die Spieler darüber laufen. In der Stadt, wo im August die Olympischen Spiele stattfinden und wo der Staat für viel Geld neue Stadien bauen ließ, ist das eine simple Lösung für ein Energieproblem, wie es gerade in den Armenvierteln verbreitet ist.

Jeder Schritt wird automatisch in elektrische Energie umgewandelt, Strom produziert und in einem Speicher am Rande des Fußballplatzes gespeichert. "Wenn wir nicht spielen, geht das Licht irgendwann aus", sagt Jackson Peçanha, der hier Platzwart ist.

Jeder Schritt wird automatisch in elektrische Energie umgewandelt, Strom produziert und in einem Speicher am Rande des Fußballplatzes gespeichert. (Quelle: dpa)Jeder Schritt wird automatisch in elektrische Energie umgewandelt, Strom produziert und in einem Speicher am Rande des Fußballplatzes gespeichert.

Die gespeicherte Energie reiche meist für zwei Stunden. So kann hier jeden Abend gespielt werden, die fehlende Energie oder Stromausfälle, die das zuvor unterbanden, gehören der Vergangenheit an. Die Kinder machen Purzelbäume, selbst das erzeugt Energie. Immer abends - von 20 Uhr an - wird der Platz bevölkert und die Fußballer vergessen irgendwann, dass sie hier ein laufendes Kraftwerk sind. Als Backup sind noch Solarpanels auf dem Tribünendach. Immer sonntags gibt es ein Turnier.

"Das ist revolutionär"

Nenel Silva (38) ist Präsident der Mannschaft "Tirol", die nach einem nahe gelegenen Viertel benannt ist. Er koordiniert den Spielbetrieb, vor allem die Turniere. Abends zum spontanen Kicken trommelt er seine Leute per WhatsApp zusammen. "Wir waren die ersten, jetzt gibt es so einen Platz auch in Nigeria", sagt Silva. "Das ist revolutionär. Unser Platz ist nun sehr bekannt, alle wollen hier spielen."

Zur Eröffnung 2014 kam sogar Brasiliens Fußballlegende Pelé - seither funktioniert die Technik nach Angaben der Kicker ohne Probleme. Ein Öl-Multi finanzierte die Energie-von-Morgen-Idee. Über die Kosten schweigt man sich aus. Massenkompatibel scheint die Lauf-Energie bisher noch nicht zu sein, sonst gäbe es mehr dieser Projekte.

Nachfrage beim britischen Unternehmen Pavegen, dessen Gründer Laurence Kemball-Cook mit der Platten-Idee die Energieversorgung revolutionieren will. "Sobald die Technologie einem Preis von Standardplatten entspricht, können wir einen wesentlichen Beitrag zur Energieerzeugung liefern", sagt Sprecherin Sanaa Siddiqui in London. "Das Potenzial für die kinetische Energie im städtischen Umfeld, wo es jede Woche Millionen von Schritten gibt, ist riesig."

Rund 100 Projekte hat man realisiert, neben dem weiteren Fußballplatz in Lagos auch am Flughafen London Heathrow, wo das Licht in einem Terminalteil durch Schritte der Passagiere erzeugt wird. Wenn die Technologie sich durchsetzt, würde sie auch enorme Datenmengen liefern können - wo sich wann wie viele Menschen bewegen.

Die Verbindung von Sport und Stromerzeugung im Boden wie in Rio könnte eine Zukunftsoption sein: In den Niederlanden gibt es auf einem Radweg in Krommenie einen 70 Meter langen Abschnitt mit Solarzellen unter Glasplatten. In einem Jahr wurde immerhin so viel Solarenergie produziert, um drei Haushalte ein Jahr lang mit Strom zu versorgen.

Quelle: Georg Ismar, dpa


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