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Klima-Messturm steht mitten in der "grünen Hölle"

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Klima-Messturm steht mitten in der "grünen Hölle"

23.08.2015, 13:36 Uhr | Georg Ismar, dpa

Der Juli war weltweit der heißeste Monat seit Beginn der Aufzeichnungen. Der Klimawandel zeigt sich Forschern zufolge spürbar. Jetzt wurde der höchste Klima-Messturm der Welt in der "grünen Hölle" des Amazonas übergeben. Auch Deutschland ist daran beteiligt.

Klaus Kinski versucht im Film "Fitzcarraldo" ein Opernhaus in der "grünen Hölle" des Amazonas zu bauen. Er scheitert. Auch an den Launen der Natur. Um diese besser zu ergründen, um zu verstehen, welche Bedeutung der Regenwald wirklich für das Weltklima hat, ist mit deutscher Hilfe nun wieder ein besonderes Amazonas-Projekt angegangen und vollendet worden: der höchste Klima-Messturm der Welt - höher als der Eiffelturm.

325 Meter hoch reckt sich der rot-weiß-rote Stahlturm gen Himmel und sticht weit über den Wipfeln aus der grünen Amazonaslandschaft hervor. Der Eiffelturm ist 24 Meter "kleiner", der Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz ist mit 368 Metern nur 43 Meter höher.

Daten im Sekundentakt

Am Samstag ist der 150 Kilometer nordöstlich von Manaus tief im Amazonas-Regenwald gelegene ATTO-Turm (Amazonian Tall Tower Observatory) übergeben worden - Sensoren sollen quasi im Sekundentakt Daten sammeln über Treibhausgase, Wolkeneigenschaften und den Transport von Luftmassen in diesem Gradmesser für das Weltklima. Und welchen Einfluss der Regenwald darauf hat. Noch fehlt ein Teil der Technik, spätestens ab 2016 soll er aber voll funktionsfähig sein.

Mit deutscher Hilfe ist der Turm errichtet worden - je zur Hälfte bezahlen die brasilianische und die deutsche Seite 8,4 Millionen Euro für den Bau und die ersten fünf Betriebsjahre. Es ist ein Projekt der Max-Planck-Institute für Chemie (Mainz) und für Biogeochemie (Jena), des brasilianischen Bundesinstituts für Amazonasforschung (INPA) und der Universität des Staates Amazonas (UEA).

Signal für den UN-Klimagipfel

Der Turm soll rund 30 Jahre im Einsatz sein. Durch die Höhe - er ist besteigbar und wird atemberaubende Blicke bieten - sollen fernab von menschlichen Einflüssen durch Städte Messungen in höheren Luftschichten als üblich durchgeführt werden. Etwa zu Veränderungen, die die Regenwaldgebiete in herüberziehenden Luftmassen auslösen; Ablagerung, Bewegung und Auswirkung von Treibhausgasen wie Kohlendioxid, Methan und Stickstoffoxid werden erforscht.

Alle Daten fließen in Modelle zur Vorhersage der Klimaentwicklung ein, betont der Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), Ferdi Schüth. Zudem wollen die Forscher wissen, welche Rolle der Regenwald bei der Wolkenbildung spielt. MPG-Projektkoordinator Jürgen Kesselmeier rechnet mit einer ganzen "Palette an Geheimnissen", die mit ATTO gelüftet werden könnten.

Deutschland ist seit Jahren einer der größten Finanziers von Regenwald- und Klimaschutzprojekten in Brasilien. Beim Besuch von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ging es vergangene Woche auch um das Thema Regenwald. Staatspräsidentin Dilma Rousseff versprach, dass die Abholzung bis 2030 auf null zurückgefahren werden soll - auch als Signal für den UN-Klimagipfel in Paris, wo im Dezember nach langem Ringen der Abschluss eines Weltklimavertrags gelingen soll.

Einer der Kipppunkte des Klimasystems

Für Merkel ist Brasilien ein Schlüsselland, um gerade Schwellenländer mitzuziehen bei der dringend notwendigen Reduzierung der Emissionen. Brasilien bezieht über 70 Prozent des Stroms aus Wasserkraftwerken, durch zunehmende Dürren spürt es mögliche Klimaveränderungen stark.

Aber die Umweltstiftung WWF sorgt sich, dass in Brasilien bald wieder mehr Regenwald abgeholzt werden könnte - in der ökonomischen Krise werde versucht, geschützte Amazonas-Regionen dem wirtschaftlichen Profit zu opfern. Rousseff müsse energisch dem Druck der Agrar- und Industrielobby entgegentreten, sagt Alois Vedder, politischer Leiter des WWF Deutschland. Gesetzesinitiativen hätten das Aufbrechen von Waldschutzzonen und geschützter Territorien der indigenen Bevölkerung für Bergbau und Agrarproduktion zum Ziel. Der Amazonasregenwald sei aber einer der Kipppunkte des globalen Klimasystems, warnt Vedder.

Genau diese Punkte sollen dank ATTO besser erforscht werden. Wie dramatisch die Lage scheint, wurde mit dem Temperaturrekord ja gerade wieder bestätigt.

Quelle: Georg Ismar, dpa


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