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Klimawandel zaubert Leuchtwolken an den Nachthimmel

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Klimawandel zaubert Leuchtwolken an den Nachthimmel

12.07.2016, 18:28 Uhr | Spiegel Online; Axel Bojanowski

Leuchtende Nachtwolken über Sieversdorf in Brandenburg. (Quelle: dpa)

Leuchtende Nachtwolken über Sieversdorf in Brandenburg. (Quelle: dpa)

Nach Sonnenuntergang leuchten silberne Wolken am Himmel. Messungen zeigen: Die geheimnisvollen Schleier werden häufiger. Was geht vor am Himmel?

Nachts glitzert jetzt häufig der Himmel an der Grenze zum Weltall - bis etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang im Westen und ab eine Stunde vor Sonnenaufgang im Osten. Die silber-bläulich glimmenden feinen Schleier aus winzigen Eispartikeln reflektieren das Licht der soeben untergegangenen Sonne. Wenn die Sonne mehr als 16 Grad unter den Horizont getaucht ist, erlischt das Glimmen.

Die leuchtenden Nachtwolken schweben rund 85 Kilometer über der Erde an der Grenze zum Weltall. Die schönen Überflieger sind meist nur in hiesigen Breiten zu beobachten, von der Ostsee bis nach Österreich. Sie erscheinen nur im Sommer, meist von Juni bis Mitte August - nur zu dieser Zeit sind die Voraussetzungen für die Bildung der Eisschleier gegeben: Im Sommer ist es paradoxerweise in großer Höhe am kühlsten, weil Wasserdampf in unteren Luftschichten mehr Wärme zurückhält.

In niedrigeren Breiten hingegen ist es ganzjährig zu warm. Und nördlich des 65. Breitengrades gibt es die Eisschleier im Sommer zwar - aber man sieht sie nicht: Der Himmel wird dort im Sommer nicht dunkel, die Eiswolken werden überstrahlt.

Das Höhenklima ist eigentlich ungünstig für die Wolken: Die Eisschleier bilden sich, obwohl es 85 Kilometer über der Erde Zigmillionen Mal trockener ist als in der Sahara. Dass in der extremen Dürre dennoch frostiger Nebel entsteht, liegt an der extremen Kälte von rund minus 140 Grad Celsius: Wie an einer kalten Fensterscheibe genügt in 80 Kilometer Höhe ein Hauch, um Eisnebel zu erzeugen - die leuchtenden Nachtwolken.

Klimawandel: unten wärmer, oben kühler

Lange schon fragen sich Forscher, ob die Schönheiten der Nacht Zeichen der globalen Erwärmung sein könnten: Treibhausgase wärmen zwar untere Luftschichten; nach oben jedoch dürfte weniger Wärme abgestrahlt werden, weil sich der Treibhauseffekt wegen Abgasen aus Autos, Fabriken und Kraftwerken verstärkt. Das Höhenreich der Nachtwolken sollte im Zuge der Klimaerwärmung also abkühlen - die Bedingungen für Eisbildung würden sich verbessern.

Und tatsächlich: Leuchtende Nachtwolken seien über die vergangenen Jahrzehnte häufiger und heller geworden, berichten Forscher im Fachmagazin "Journal of Geophysical Research". Das hätten die Messungen von Wettersatelliten seit den 80er Jahren gezeigt.

Die Satelliten messen die unsichtbare Ultraviolettstrahlung der Sonne, die an den Eiswolken reflektiert wird. Je mehr Strahlung an den Eisteilchen abprallt, desto dichter sind die Wolken - und desto heller wirken sie.

Die Luft der oberen Stratosphäre sei nicht nur abgekühlt, pro Jahrzehnt um ein halbes Grad, schreiben die Wissenschaftler. Gleichzeitig stehe mehr Eis zur Verfügung: Der Eisgehalt in der Höhe sei um ein Prozent pro Jahrzehnt gestiegen.

Sterbende Nachtwolken

Dass mehr Eis in der Höhe schwebe, liege wohl am Treibhausgas Methan, auch Erdgas genannt, meinen die Forscher. Steigt Methan in die Höhe, wird das Gas (chemische Formel: CH4) von starker Sonnenstrahlung regelrecht zerrissen. Die Wasserstoffteilchen (H) verbinden sich mit Sauerstoff (O2) zu Wasser (H2O) - das in der Höhe zu Eis gefriert.

Das Schicksal einer leuchtenden Nachtwolke besiegelt die Schwerkraft: Die Eisteilchen werden schwerer, weil sich immer mehr Wasserdampf an sie heftet. Mehrere Zentimeter pro Sekunde sinken sie ab. Bald ist es zu warm für die Eiskristalle, sie beginnen zu verdampfen - die leuchtende Nachtwolke löst sich auf.

Quelle: Spiegel Online; Axel Bojanowski


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