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Ölsand-Förderung bald im großen Stil?

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Ölsandförderung bald im großen Stil?

09.02.2012, 10:13 Uhr | dpa, dapd

Ölsandförderung – Raubbau und Raffinerie kommen Mensch und Umwelt teuer zu stehen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Ölsandförderung – Raubbau und Raffinerie kommen Mensch und Umwelt teuer zu stehen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die Tage großer Erdölfelder und Gasvorkommen sind bereits gezählt und die Vorkommen werden in wenigen Jahrzehnten erschöpft sein. Dieser Umstand führt zu absurden Versuchen, der Erde weitere Ressourcen zu entlocken. Ölmultis und Großkonzerne bedienen sich immer häufiger unkonventioneller Methoden, um auch den letzten Tropfen Erdöl aus dem Boden zu pressen. Nach dem Fracking steht nun die Förderung von Ölsand ganz oben auf der Liste. Doch in Europa will man die Einfuhr so gewonnener Brennstoffe erschweren. Zu Recht, denn die Konsequenzen für Mensch und Umwelt sind weitreichend. Am Mittwoch hat die Bundesregierung über die Vorschläge der EU abgestimmt und spielt damit der Öl-Industrie in die Hände.

Politik entscheidet sich gegen Einfuhr-Hürden für Ölsand

Der Umweltausschuss des Bundestags hat sich gegen den Vorschlag der EU-Kommission entschieden, erschwerende Maßnahmen zur Einfuhr von Kraftstoffen aus Ölsand durchzusetzen. Ein Antrag der Grünen, mit dem der Vorschlag der EU unterstützt werden sollte, fand am Mittwoch keine Mehrheit. Der Grünen-Abgeordnete Oliver Krischer äußerte sich anschließend enttäuscht. "Nicht einmal das Verbot des Imports von klima- und umweltschädlichen Teersanden aus Kanada will die Bundesregierung unterstützen", kritisierte Krischer.

"Mit dieser Entscheidung haben sich die Abgeordneten zu Botschaftern Kanadas gemacht und sich widerstandslos vor den Karren der Öl-Industrie spannen lassen", warf die Verkehrsexpertin des WWF (World Wide Fund), Viviane Raddatz, der Regierung vor. Einer WWF-Studie zufolge schlägt der Abbau von Teersanden mit drei bis vierfach höheren CO2-Emissionen zu Buche als die konventionelle Ölförderung. Um Teersand in großem Stil zu gewinnen, müsse in Kanada ein Areal von der Fläche Englands entwaldet werden, so der WWF. Die nächste Entscheidung auf EU-Ebene steht am 23. Februar an. Deutschland wird sich dann aber nicht für die Hürden aussprechen.

Schwarzes Gold aus Kanada

Die kanadische Provinz Alberta sitzt auf einem Schatz. Riesige Ölsandvorkommen erstrecken sich unter der Erdoberfläche auf insgesamt 140.000 Quadratkilometern – eine Fläche, etwas größer als England. Die potenziell vorhandene Ölmenge wird auf 1,7 Trillionen Barrel geschätzt. Kanada sieht sich bereits als drittgrößte Energiesupermacht nach Saudi-Arabien und Venezuela. Vereiteln könnte dies nur noch die EU-Kommission, die derzeit Regelungen plant, die die Einfuhr von Kraftstoffen aus Teersand praktisch unrentabel machen würde.

Ölsand ist ein Gemisch aus Sand und teerartigem Bitumen. Um daraus tatsächlich Rohöl zu gewinnen, sind gewaltige Mengen Energie vonnöten. Auch wird für die Produktion eines einzigen Barrels Öl die dreifache Menge Wasser benötigt, wobei der Großteil nach Abschluss des Verfahrens zu verseucht ist, um wieder zurück in die Umwelt geleitet zu werden. Gesammelt wird die Giftsuppe in großen Abwasserseen, die teilweise die Größe des Ammersees erreichen. Riesige Tagebaue durchziehen zudem die Landschaft entlang des Athabasca-River in der Nähe der kanadischen Stadt Fort McMurray. Dort ist eines der größten Abbaugebiete Kanadas angesiedelt.

Urteil hat weitreichende Konsequenzen

Der Vorstoß der EU-Kommission setzt bei der Treibhausgasbilanz an. Bereits 2009 brachte die EU eine Regelung auf den Weg, wonach die Erdölindustrie ihre Treibhausgase bis 2020 um sechs Prozent senken soll – Förderung, Aufbereitung, Transport und Verbrennung eingeschlossen. Die Regulierungsvorschläge der EU wären nach Durchsetzung für die Teersand-Kraftstoffe ein klarer Wettbewerbsnachteil. Zwar liegt der Marktanteil von Teersand in der EU derzeit nur bei 0,1 Prozent. Gegner wie Befürworter der Technologie gehen jedoch davon aus, dass der Beschluss eine Signalwirkung hätte.

EU-Rat und EU-Parlament müssen noch entscheiden

Heftiger Gegenwind kommt nach wie vor aus der Industrie. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) fürchtete bereits im Vorfeld die Schaffung eines "Präzedenzfalls". Mitte Dezember wandte sich der Verband an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie die Minister Röttgen und Rösler. Der BDI habe deutlich gemacht, dass er das Vorgehen der EU-Kommission "entschieden ablehne", hieß es aus Kreisen des Verbands. Das Vorhaben sei mit den Regeln der Welthandelsorganisation WTO, wonach "gleiche Produkte" nicht diskriminiert werden dürften, nicht vereinbar.

Auch der kanadische Botschafter Peter M. Boehm hatte eindringlich vor einer Schlechterstellung von Teersand-Öl gewarnt: "Kanada ist besorgt über die Benachteiligung von Rohöl aus Ölsanden im Vergleich zu anderen Rohölen, die nach Europa importiert und dort verbraucht werden, und von denen einige vergleichbare oder sogar höhere Treibhausgas-Emissionen aufweisen", schrieb er an die Mitglieder des Bundestags-Umweltausschusses – ein eher seltener Vorgang. Die endgültige Entscheidung dürfte noch eine Weile auf sich warten lassen. Jetzt müssen auch der EU-Rat und das Europaparlament noch über die Vorschläge entscheiden.

Quelle: dpa, dapd


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