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Precht: Darum lieben wir manche Tiere und essen andere

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Precht: Warum wir manche Tiere lieben und andere essen

16.11.2016, 12:15 Uhr | Ann-Kathrin Landzettel, feelgreen.de

Philosoph und Bestseller-Autor: Richard David Precht. (Quelle: dpa)

Philosoph und Bestseller-Autor: Richard David Precht. (Quelle: dpa)

"Es gibt zwei Kategorien von Tieren. Die eine glaubt, dass es zwei Kategorien von Tieren gibt, und die andere hat darunter zu leiden", schreibt der bekannte Philosoph Richard David Precht in seinem neusten Werk "Tiere denken" (Goldmann-Verlag, 22,99 Euro). Zu Recht fragt sich der Autor: Warum lieben wir manche Tiere und essen die anderen?

Wir definieren uns als Menschen und geben uns alle Mühe, unsere animalische Natur zu vergessen und zu verbergen, schreibt Precht. Das Band zu den Tieren hätten wir bereits vor langer Zeit zerschnitten, nämlich als der Mensch gelernt habe, die "Rohstoffreserve Tier planmäßig zu züchten". Das Tier sei zu einem lebenden Versorgungsvorrat geworden.

Ressource Tier: lebendiger Versorgungsvorrat

Die Anfänge der Tierzucht und die heutigen Massentierhaltungen haben nicht mehr viel gemeinsam. Während manche Jäger damals Familienmitglieder und Tiere gemeinsam bestatteten, wird die Ressource Tier heute völlig fraglos für die Ansprüche des Menschen genutzt.

"Grenzenlos überlegen und unabhängig gegenüber den Tieren seiner Umwelt, entwickelte sich im menschlichen Bewusstsein ein völlig entfremdetes Verhältnis. Nicht nur radikale Ausnutzung und Sadismus, auch falsch verstandene Liebe, Denaturierung und unfreiwillige Quälerei bestimmen seither den Umgang mit dem Tier", so der Autor.

Tierliebe ist ein "begrenztes Gefühl"

Selbst als die Wissenschaft Tiere als Verwandte vom Menschen erkannte, ließ sich das Band nicht wieder zusammenfügen. Der Weg führte schließlich an den Punkt, wo sich Tierliebe, Massentierhaltung und Tötung vereinen. Tierliebe, schreibt Precht, sei ein begrenztes Gefühl, abgestimmt auf einen erlesenen Zirkel von Arten.

Hunde und Katzen sind beliebt, Silberfische, Kakerlaken und Bandwürmer hingegen unerwünscht. Und wo sich die Natur mit Formen zurück hält, hilft der Mensch gerne nach: züchte Perserkatzen, verstümmle Hundeschnauzen zu niedlicher Mopsgesichtigkeit und hexe Tauben eine mondäne Federpracht an.

"Es gibt keine Tierliebe um ihrer selbst willen"

"Es besteht wenig Zweifel daran, dass der Antrieb der Tierliebe egozentrisch ist. Es gibt keine Tierliebe um ihrer selbst willen, so wie es ja ohnehin keine selbstlose Liebe gibt", schreibt der Philosoph. Ein Wunsch vereine alle Tierfreunde, vom Kampfhundehalter, Schoßkatzenfreund bis hin zum Taubenzüchter: von Tieren beachtet, anerkannt und "geliebt" zu werden. Ob das Tier bereit ist, diese Zuwendung und Liebe zu geben, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. "Tiere widersprechen eben nicht und fördern so die Illusion, dass sie sich dem Menschen tatsächlich zuwenden", schreibt Precht.

Manche Tiere sitzen unter dem Tisch, andere landen darauf

Es sind die menschlichen Gefühle und Klischees, die den Tieren seit jeher gefährlich werden, findet Precht und erklärt: Wer nach Lustgefühlen entscheide, werde keinen Grund dafür sehen, einem Tier, das sein Lebtag zu nichts Ersichtlichem tauge, ein Existenzrecht zuzugestehen.

Und so existiert neben dem Wunsch nach tierischer Zuwendung das Tier als Nahrungsmittel parallel mit. Sitzen manche Tiere gemütlich unter dem Esstisch, landen andere darauf. "Kein Zweifel, wir messen mit einem eigentümlich menschlichem Maß", betont der Philosoph. Der Kontrast zwischen Tierliebe und Massentötung kann größer kaum sein, trotzdem schaut die Mehrheit auch weiterhin weg. Doch wo soll das hinführen?

Fazit: Lesenswert für alle, die Tiere streicheln und essen

Mit seinem Werk möchte Precht dazu anregen, sich den Umgang mit Tieren bewusst zu machen und das eigene Verhalten zu hinterfragen.  Sein Weg führt ihn dabei von der Evolution, über Religion und Philosophie bis hin zur Verhaltensforschung, Rechtssprechung und dem tierischen Miteinander im Alltag. Wer seine "animalische Natur" näher betrachten und verstehen möchte, hat die Möglichkeit, sich gemeinsam mit dem Autor auf diese spannende Reise begeben. Eines ist dabei sicher: Aus dem Grübeln kommt man so schnell nicht mehr heraus.

Quelle: Ann-Kathrin Landzettel, feelgreen.de



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