Sie sind hier:

Sind die falsch gepult? Der Krabben-Irrsinn

...

Sind die falsch gepult? Der Krabben-Irrsinn

03.08.2012, 18:54 Uhr | Ulrike Benz, feelgreen.de

Völlig abstrus: Nordseekrabben reisen um die halbe Welt. (Quelle: dpa)

Völlig abstrus: Nordseekrabben reisen um die halbe Welt. (Quelle: dpa)

Nordseekrabben aus dem Supermarkt sind nicht zu empfehlen: Durch den massiven Beifang sterben tausende Meerestiere, und das Preisdumping macht die Fischer kaputt. Das Absurdeste: Zum Verarbeiten reisen die Krabben quer über den Globus – eine Katastrophe, nicht nur für das Klima.

Einmal Afrika und zurück

Es ist kaum zu glauben und doch wahr: Viele Krabben, die Fischer in der Nordsee fangen, machen eine Reise um die halbe Welt, bevor sie in deutschen Supermärkten landen. "Auch heute noch geht es für viele Nordseekrabben zum Pulen nach Marokko", sagt Nadja Ziebarth vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). "Das ist absurd."

Unterwegs nach China

Früher kamen viele Nordseegarnelen – so heißen die kleinen Zehnfußkrebse offiziell – nach Polen. Auch nach Weißrussland wurden die Tiere häufig gebracht. Ob auf dem Lastwagen oder im Flugzeug – die Nordseekrabbe reist auch heute noch quer durch die Welt. Inzwischen führt der Weg der "Crangon Crangon" genannten Krabbe sogar nach China.

Pulmaschine teurer als afrikanische Arbeiter

Der Grund ist einfach: Es geht ums Geld. Eine Pulerin in Marokko verdient im Durchschnitt sechs Euro pro Tag. So billig arbeitet nicht einmal eine Maschine in Deutschland. Der Krabbenfischer Alwin Kocken weiß das: Er hat eine Krabbenschälmaschine erfunden. "Täglich frisch – gefangen und geschält in Norddeutschland", wirbt Kocken für seine Nordseekrabben. Für Kunden ist das eine gute Alternative, für Hersteller offensichtlich nicht: Das Interesse an der Maschine ist gering. Denn die Kosten pro Kilo liegen um drei bis vier Euro höher als bei der Variante des Pulen-Lassens in Marokko.

Lösung für einen rentablen Krabbenfang

Experten bestätigen, dass es nach wie vor billiger ist, Nordseekrabben durch die halbe Welt zu fahren. Denn die Arbeitskraft verursacht die Hauptkosten. Und in den Niedriglohnländern finden sich zahllose Frauen, die für einen Hungerlohn die filigrane Arbeit machen. Die Krabbenschälmaschine ist nach Ansicht von Experten für den regionalen Gebrauch geeignet, für den hiesigen Großfang ist ihre Leistung allerdings zu gering. Die große Lösung sollte das Krabbenschälzentrum in Cuxhaven sein. Doch die ehrgeizige Idee endete im Fiasko.

Massiver Beifang

Schaden entsteht auch vor Ort an der Nordsee: Wenn die Netze aus den Krabbenkuttern direkt über den Meeresboden gleiten, verfangen sich darin auch zahlreiche Fische anderer Arten. Der so genannte Beifang ist massiv: Auf ein Kilogramm Krabben kommen bis zu 60 Kilo andere Meerestiere. Der Beifang wird direkt wieder über Bord geworfen. Doch viele Tiere überleben nicht: Sie verletzen sich schon beim Fang und sterben; sie liegen zu lange an der Luft und verenden an Bord; das Aufschlagen auf die Wasseroberfläche tötet sie. Oder der Vogelschwarm, der hinter dem Fischerboot her fliegt, freut sich über die leichte Beute.

Krabbenfischer in der Krise

Kaputt gehen auch die Fischer – an dem Preisdumping. Im Frühjahr 2011 kam es zum Streik, die Preise waren unter zwei Euro pro Kilogramm gefallen. Damit fahren die Fischer Verluste ein. Nach einem kurzen Hoch im Sommer – das Kilo verkaufte sich für fast drei Euro – ist der Preis inzwischen wieder im Keller. Die Gründe für die Misere sind vielfältig: Zwei Großhändler aus Holland diktieren die Preise, die befischbaren Flächen gehen zurück – fast 3.000 Off-Shore-Windparks sind genehmigt, dort darf künftig nicht mehr gefischt werden – und viele Fischkutter sind zu alt. Von den Schulden der Fischer ganz abgesehen.

Bringt ein Gütesiegel die Lösung?

Ein Weg aus der Krise könnte sein, ein regionales Produkt mit Gütesiegel auf den Markt zu bringen. Dafür müssten die Verbraucher dann aber deutlich mehr zahlen als für die Krabben im Supermarkt. Bis dahin gilt: Nordseekrabben lassen sich nicht ohne Bedenken empfehlen. Wer nicht auf sie verzichten will, kauft sie am besten direkt vom Fischkutter – ungepult. Dann waren sie zumindest nicht in Afrika.

Quelle: Ulrike Benz, feelgreen.de


© DIGITAL MEDIA PRODUCTS GMBH 2016

Anzeige
shopping-portal