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Pottwale verfehlten rettenden Weg in den Atlantik

14.01.2016, 10:17 Uhr | Susanne Reininger

 (Quelle: Deutsches Meeresmuseum, Stralsund)

(Quelle: Deutsches Meeresmuseum, Stralsund)

Vor der niederländischen Insel Texel wurden in den vergangenen Tagen fünf Pottwale, sowie zwei vor der ostfriesischen Insel Wangerooge, einer vor Mellum und nahe Helgoland zwei weitere angespült. Dieses Phänomen gibt Meereswissenschaftlern seit Jahrhunderten Rätsel auf, an den Ursachen wird noch immer geforscht.

Feelgreen sprach mit Dr. Michael Dähne. Er ist seit September 2015 Kurator für Meeressäugetiere am Deutschen Meeresmuseum. Als Ingenieur und Biologe forscht er an der Schnittstelle von technischen und biologischen Themen. Er arbeitet an der Entwicklung von neuartigen Methoden zur Erfassung von Meeressäugetieren, testet neue Schutzmaßnahmen für Schweinswale und untersucht die Auswirkungen von menschlichen Einflüssen auf die Meeresumwelt.

Feelgreen.de: Herr Dr. Dähne, wie erklären Sie sich als Meereswissenschaftler das Phänomen der zehn gestrandeten Wale am Wattenmeer?

Dr. Dähne: Dafür gibt es mehrere Gründe. Bei den gestrandeten Walen handelt es sich um Pottwale, meist um junge Männchen. Die sogenannten Jungbullen wandern zu dieser Jahreszeit von Norden nach Süden. Während sie diese langen Strecken zurücklegen, sind sie nördlich von Schottland statt nach Westen zu weit östlich abgedriftet und können dann den südlichen Weg aus der Nordsee in den Atlantik über den Ärmelkanal nicht finden.

Die Wale sind also falsch abgebogen und das ist lebensgefährlich für die Wanderer?

Dr. Dähne: Ja, die Pottwale verlieren die Orientierung und finden kaum Futter, sie geraten unter enormen Stress. Bislang obduzierte Wale hatten meist nur wenig Nahrung im Magen. In der flachen Nordsee versagt der Echoortungssinn der Wale und reicht nicht um Tiefenunterschiede zu erkennen und Beute zu finden. Normalerweise schwimmen und jagen Pottwale in der Tiefsee in mehr als 500 Metern Wassertiefe. Im Vergleich zum Atlantik ist die Nordsee mit einer mittleren Tiefe von 50-70 Metern nicht sehr tief, vor allem die Gewässer im Bereich des Wattenmeers, wo die Tiere dann oft stranden. Lärmeinfluss, etwa durch Offshore-Windräder, könnte die Tiere zusätzlich unter Stress gesetzt haben.

Die Pottwale sollen nun obduziert und näher untersucht werden. Wie schafft man solche Riesen ins Labor?

Dr. Dähne: Das ist ein sehr großer Aufwand, aber lohnenswert. Vor allem auf der Insel Wangerooge erfordert das einen großen logistischen Aufwand. Pro Wal ist mindestens ein Tag notwendig, um ihn zu obduzieren und danach erst abzutransportieren. Immerhin wiegt so ein Tier mehr als zehn Tonnen und ist über zehn Meter lang. Die Knochen vor Ort herauszulösen, ist sehr aufwendig und nur mit vielen Helfern machbar.

Dr. Dähne, sie forschen im Bereich der Bioakustik und arbeiten an Schutzmaßnahmen für Schweinswale. Im Vergleich zu Pottwalen ist diese Art sehr gut an das Leben im Flachwasser angepasst. Wie könnte man Pottwale künftig vor den tödlichen Folgen des Falschabbiegens bewahren und wieder auf den richtigen Kurs gen Äquator bringen?

Dr. Dähne: Ohne die Ursachen für die misslungene Wanderung genau zu kennen, kann man auch keine Schutzmaßnahmen vorschlagen. Insofern ist die fortgesetzte Forschung die einzige Möglichkeit für die Tiere in der Zukunft effektive Schutzmaßnahmen abzuleiten. Dies gilt aber für eine Vielzahl menschlicher Einflüsse, die auf die Tiere einwirken und eventuell ebenfalls fatale Konsequenzen haben.

Quelle: Susanne Reininger


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