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Warum Locavoren die besseren Esser sind

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Konsequent: Der Trend der Locavoren

24.11.2011, 09:59 Uhr | Kirsten Niemann, Raufeld

Radikale Locavore-Bewegung: Neuer Trend aus den USA. (Quelle: imago)

Radikale Locavore-Bewegung: Neuer Trend aus den USA. (Quelle: imago)

Was ist besser für das Klima – der Apfel vom Nachbar-Bauern, der über das Jahr im Kühlhaus gelagert werden muss oder einer, der aus Neuseeland eingeflogen wurde? Der neue Trend der Locavores bevorzugt klar Ersteres. Doch was ist eigentlich ein Locavore? Wir beantworten, was diese Spezies Mensch von anderen unterscheidet und ob konventioneller oder biologischer Anbau besser für die Umwelt ist.


Neuer Trend: Die Nahesser

Wissenschaftler der Cornell Universität in den USA haben gezeigt, dass die Vereinigten Staaten ihre Energiebilanz um zehn Prozent verringern könnten, wenn statt ressourcenschädigendem Fastfood mehr gesundes Essen aus nachhaltiger und umweltfreundlicher Produktion auf den Tisch käme. Und siehe da, in den amerikanischen Großstädten hat sich neuer Trend herausgebildet: Locavores, also Nahesser, nennen sich Menschen, die sich ausschließlich von Lebensmitteln ernähren, die in der näheren Umgebung angebaut werden.

Wer hätte gedacht, dass diese radikale Lösung aus dem Land der umweltschädlichen Rindfleischbulette kommt? Mittlerweile ist die Idee, vor allem lokale Produkte zu konsumieren, auch bei uns in Mode gekommen. Hiesige Locavores essen Kartoffeln statt Reis, sie besuchen die Erzeuger in ihren Hofläden, kaufen auf Biomärkten – oder bauen gleich selbst Gemüse an.

Heimischer Apfel ist klimafreundlicher

Die Sache mit der Klimabilanz ist dann aber doch etwas komplizierter. Und vom Frühstücksei, Kaffee und Orangensaft ist dabei noch gar nicht die Rede. Immerhin in einem Punkt herrscht Klarheit: Eine Studie der Uni Gießen hat ergeben, dass ein aus Neuseeland eingeschiffter Apfel immer noch 25 Prozent mehr CO2 freisetzt als einer, der hier geerntet wurde und in einem Kühlhaus überwintert. Etwa 20 Prozent aller CO2-Emissionen in Deutschland entstehen durch Produktion, Lagerung und Transport von Lebensmitteln. Vor allem die Massentierhaltung schlägt negativ zu Buche, ebenso die Düngung und zur Schädlingsbekämpfung eingesetzte Gifte. Die Verbraucher haben es nicht leicht – trotz immer neuer Siegel, die den Markt allerdings auch nicht übersichtlicher machen.

Verschiedene Siegel weisen auf lokalen Anbau von Lebensmitteln hin

"Fair und Regional" – so heißt beispielsweise ein Siegel aus Brandenburg, das sich nicht nur für ökologische, sondern auch für soziale Standards der Produktion einsetzt. Die Unternehmen verpflichten sich damit, an gesellschaftlichen und sozialen Projekten mitzuwirken und somit auch Arbeitsplätze zu sichern. Klingt gut, doch ist der Nutzen bislang begrenzt, weil gar nicht so viele regionale Erzeugnisse in den lokalen Handel gelangen. So schätzt die Fördergemeinschaft ökologischer Landbau (FÖL), dass lediglich 15 bis 20 Prozent der Biokonsumenten aus der Umgebung ernährt würden.

Regional und saisonal konsumieren

Bio alleine ist jedoch nicht genug. "Wer sich nachhaltig ernähren möchte, kann nicht so tun, als könnte man einfach auf Bio umschalten und genau so weiter konsumieren wie zuvor", sagt Jesko Hirschfeld vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Während die konventionelle Landwirtschaft Kunstdünger einsetzt und dabei mehr Treibhausgase freisetzt, braucht die ökologische mehr Fläche. Nicht nur die Produktion eines Lebensmittels sei wichtig, sagt Hirschfeld, sondern auch das Verhalten der Verbraucher: "Konsumiert regional und saisonal." Der Apfel sollte also im Herbst auf den Tisch kommen und nicht im Frühjahr, denn dann stehen besser Spargel und Erdbeeren auf dem Speiseplan. Äpfel, Kartoffeln und Rüben kann man aber auch im eigenen, trockenen und kühlen Keller einlagern. Dann spricht natürlich nichts dagegen, sie auch im Frühjahr zu verzehren.

Öko-Anbau inmitten der Großstadt

Um ihren Bedarf an Gemüse und Obst aus nächster Umgebung zu decken, gründete die Initiative Nomadisch Grün e.V. bereits 2009 die so genannten "Prinzessinnengärten", mitten im Berliner Stadtbezirk Kreuzberg. Die Mitglieder mieteten eine 6000 Quadratmeter große Brachfläche und wandelten sie in eine ökologische Anbaufläche mitten in der City um. Seitdem hat die Initiative viele Menschen aus der Nachbarschaft um sich geschart, die nun auf der Fläche Tomaten, Mungobohnen und Rote Bete anpflanzen. Ob solche Initiativen das Weltklima retten können, ist fraglich. Ein guter Anfang ist das aber alle mal. Das Problem besteht ohnehin weniger im Gemüse als in den tierischen Produkten: Wer weiß schon, was das Schnitzelschwein gefressen hat?

Quelle: Kirsten Niemann, Raufeld


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