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Weltwasserbericht: Fast eine Milliarde Menschen ohne Wasser;

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Weltwasserforum – Zeit für Veränderungen

13.03.2012, 18:19 Uhr | dapd, dpa

Tausende Kubikmeter Trinkwasser lagern in diesem Hochbehälter in Stuttgart-Rohr. Das kostbare Nass ist Hauptthema des sechsten Weltwasserforums in Marseille. (Quelle: dapd)

Tausende Kubikmeter Trinkwasser lagern in diesem Hochbehälter in Stuttgart-Rohr. Das kostbare Nass ist Hauptthema des sechsten Weltwasserforums in Marseille. (Quelle: dapd)

Die Oberfläche unseres Planeten besteht zu über 70 Prozent aus Wasser – davon sind aber nur etwa zwei bis drei Prozent trinkbares Süßwasser. Dieser Rohstoff wird immer knapper und kostbarer und ist Dreh- und Angelpunkt auf dem sechsten Weltwasserforum in Marseille. Zur Eröffnung der Konferenz wurde der Weltwasserbericht der UNESCO vorgestellt, der Anlass zum Umdenken gibt. So sollen zukünftig gewalttätige Auseinandersetzungen um Wasser vermieden und alle Menschen mit sauberem Trinkwasser versorgt werden. Auch die Verschwendung von Wasser durch die Industrienationen ist ein großer Kritikpunkt. Wie man etwas verändern kann, überlegen aktuell 20.000 Menschen in Marseille.

Immer noch Menschen ohne überlebenswichtiges Wasser

Nach Angaben der UNESCO haben fast 900 Millionen Menschen auf der Welt keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und rund 2,6 Milliarden Menschen fehlt die Möglichkeit, adäquate sanitäre Einrichtungen zu nutzen. Die Problematik ist seit Montag Thema beim sechsten Weltwasserforum in Marseille. Zu den Teilnehmern zählen Vertreter von Energieunternehmen, Staats- und Regierungschefs, mehr als 80 Minister, hunderte Experten und andere Kongressbesucher aus 140 Ländern. Benedito Braga, Leiter des Forums, das alle drei Jahre stattfindet, strebt einen globalen Fonds für Wasserprojekte an. Auch wenn die finanziellen Probleme Europas auf dem Forum lasteten, sei jetzt nicht die Zeit für Sparsamkeit, sagte Braga.

Unter dem Motto "Time for Solutions" dürfte in diesem Jahr insbesondere eine bessere Verteilung der Ressourcen vor dem Hintergrund von Klimaveränderungen und unsicherer Nahrungsmittelversorgung im Fokus stehen. Ziel ist es, "ein Recht auf Wasser und auf Abwasserreinigung" in die Abschlusserklärung aufzunehmen. Beim letzten Forum in der türkischen Stadt Istanbul 2009 war dies nicht gelungen. Kritiker werfen dem Forum vor, Wasser als Handelsware und nicht als Menschenrecht zu sehen.

Staaten müssen jetzt zusammenrücken

Nach einem Bericht der UNESCO sterben täglich tausende Kinder an Durchfall, weil sie keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Außerdem gefährde eine "beispiellose Steigerung" der Nachfrage nach Wasser alle wichtigen Entwicklungsziele. Die Autoren des Berichts fordern ein radikales Umdenken im Umgang mit Wasser. Die weltweite Trinkwasserversorgung kann aus Sicht der UNESCO künftig nur durch engere Kooperation der Staaten gesichert werden. "Wir brauchen einen Bewusstseinswandel", forderte der Generalsekretär der Deutschen UNESCO-Kommission, Roland Bernecker, am Montag in Bonn. Er kritisierte, dass die Entwicklungshilfe für den Wassersektor weltweit gekürzt worden sei. Das Thema habe in vielen Ländern eine zu geringe Priorität.

Fleischproduktion maßgeblich an hohem Wasserverbrauch Schuld

Die UN-Wissenschaftsorganisation UNESCO macht vor allem das geänderte Konsumverhalten – insbesondere die steigende Fleischproduktion – für den zunehmenden Wasserverbrauch verantwortlich: "Wer Fleisch- und Milchprodukte konsumiert, verbraucht mehr Wasser als Menschen, die sich vor allem von Getreide oder Gemüse ernähren." Zur Produktion von einem Kilogramm Reis sind demnach 2500 Liter Wasser nötig, für ein Kilo Rindfleisch 15.000 Liter.

Industrienationen leben auf Kosten ärmerer Staaten

Häufig werde zudem übersehen, dass viele Industriestaaten ihren steigenden Bedarf an Wasser und anderen Ressourcen aus ärmeren Ländern zögen. So importiere beispielsweise Großbritannien 62 Prozent des genutzten Wassers als "virtuelles Wasser" in Form von Reis oder Fleisch. Die weltweite Landwirtschaft benötige durch die Bewässerung rund 70 Prozent des genutzten Wassers. Der Klimawandel, der Bevölkerungsdruck sowie auch die Verschmutzung und Übernutzung beschränkten weiter den Mangel an sauberem Trinkwasser.

Mehr als eine Million Tote pro Jahr durch verseuchtes Wasser

Mehr als eine Million Menschen kämen jährlich durch verunreinigtes Wasser ums Leben, sagte Frankreichs Premierminister François Fillon am Montag zur Eröffnung der Veranstaltung. "Das ist eine nicht hinnehmbare Situation." Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden im Jahr 2025 zwei Drittel der Weltbevölkerung von Wasserknappheit betroffen sein. Fillon mahnte zugleich die noch zögernden Staaten, eine UN-Wasserkonvention zur friedlichen Nutzung grenzüberschreitender Flüsse und Seen zu unterzeichnen.

Grundwasserproblematik verschärft sich

Zugenommen hat nach dem UN-Bericht die Bedeutung des Grundwassers: "Die Menge des angezapften Grundwasser hat sich in den vergangenen 50 Jahren verdreifacht", betont der Hauptautor des Weltwasserberichts, der kanadische Biochemiker Richard Connor, im dpa-Interview. Im 20. Jahrhundert habe es eine regelrechte "stille Revolution" beim zunehmenden Anzapfen dieser Ressourcen gegeben. Die Autoren des Berichts fordern daher dringend die genauere Erfassung der Reserven – und deren nachhaltige Nutzung. Etwa 80 Prozent des Brauchwassers würden zudem weltweit nicht aufbereitet.

WWF warnt vor gewalttätigen Auseinandersetzungen

Der World Wide Fund for Nature (WWF) warnte vor einer weiteren Zuspitzung der globalen Wasserkrise. Allein seit 2000 sei es im Streit um die Wassernutzung weltweit zu mehr als 50 gewaltsamen Konflikten gekommen. So zählten sie als Beispiele Konflikte in Staaten wie dem Sudan, Bolivien oder Indien auf. Dabei handelt es sich oft auch um örtlich begrenzte kommunale Proteste, wie etwa in Südafrika. Die steigende Nachfrage nach Energie, Nahrung und sauberem Wasser werde die ohnehin schon schwelende Krise verschärfen. Die Tatsache, dass neun Staaten – Brasilien, Russland, China, Kanada, Indonesien, Indien, Kolumbien, die Demokratische Republik Kongo und die USA – über 60 Prozent der weltweit verfügbaren Süßwasservorkommen besitzen, könne die Lage verschärfen.

 (Quelle: WWF)

Bundesregierung erhofft klare Signale

Der Zugang zu Wasser und Sanitäreinrichtungen sei eine der dringendsten, die gesamte Menschheit betreffenden Herausforderungen, kommentierten die deutschen Ministerien für Umwelt und für Entwicklung. "Wir müssen die heutige Zugangskrise überwinden", forderte die deutsche Delegationsleiterin und Parlamentarische Staatssekretärin Gudrun Kopp (FDP). "Das Weltwasserforum kann jetzt entscheidende Weichen stellen." Das vorangegangene Forum 2009 in Istanbul war wegen seiner unverbindlichen Erklärungen heftig kritisiert worden.

Aktivisten kritisieren Konzerne scharf – Vorwurf des Missbrauchs

Kurz nach Eröffnung des Weltwasserforums in Marseille wurden am Montag vorübergehend fünf Demonstranten festgenommen. Zuvor hatte eine Gruppe von Aktivisten sich in der Nähe des Eingangs tot gestellt hatte und damit für Störungen gesorgt, wie die Polizei mitteilte. Die globalisierungskritische Organisation Attac kritisierte, das Weltwasserforum sei "eine große Lobbyveranstaltung der Wasser- und Energiewirtschaft" und diene vor allem als Kontaktbörse zwischen Regierungen und den globalen Wasserkonzernen. So sähen diese Wasser eher als Ware denn als Menschenrecht. In der traditionell vorab verfassten Abschlusserklärung sei formuliert, dass die weltweiten Wasserprobleme nur durch eine Partnerschaft mit Privatunternehmen zu lösen seien, erklärte Attac weiter. Zu einer Gegenveranstaltung, dem vierten Alternativen Weltwasserforum (FAME) werden von Mittwoch bis Samstag mehrere tausende Aktivisten in Marseille erwartet.

Quelle: dapd, dpa


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