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"#Beckmann" auf den Spuren des Wolfes

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Auf den Spuren des Wolfes: "Knallt ihn ab und tut ihn weg"

07.09.2015, 15:34 Uhr | rev, feelgreen.de

Die einen fasziniert er, andere wollen ihn schnellstmöglich wieder aus dem Land haben: Der Wolf polarisiert wie kein zweites Tier in Deutschland. (Quelle: dpa)

Die einen fasziniert er, andere wollen ihn schnellstmöglich wieder aus dem Land haben: Der Wolf polarisiert wie kein zweites Tier in Deutschland. (Quelle: dpa)

Über ein Jahrhundert lang war der Wolf in Deutschland ausgerottet. Erst nach dem Mauerfall kehrte er aus Osteuropa zurück - zur Freude von Tierschützern. Vor allem Jäger und Schäfer sind dagegen wenig begeistert über das Comeback der Raubtiere. Die Reportage-Reihe "#Beckmann" hat sich auf die Spuren des Tieres begeben, das Deutschland spaltet.

Wölfe stehen unter Naturschutz. Trotzdem werden immer wieder getötete Exemplare in Deutschland gefunden - besonders im Norden und Osten, wo heute wieder 300 bis 400 Wölfe leben.

Wer steckt hinter den illegalen Abschüssen? In fast allen Fällen tappt die Polizei im Dunkeln. Nach zahlreichen Gesprächen mit Jägern, Schäfern, Politikern, Wolfsforschern und Bürgern glaubt Moderator Reinhold Beckmann einen Grund dafür zu kennen: "Es gibt zu viele, die ein Motiv hätten, einen Wolf zu töten."

Jäger unter Generalverdacht

Wird irgendwo ein erschossener Wolf entdeckt, fällt der Generalverdacht meistens auf die Jäger. Die Vorwürfe lauten dann: Die Jäger würden keine Konkurrenz in "ihren" Wäldern dulden, der Wolf nehme ihnen die "Beute" weg. Das sagen vor allem Naturschützer, denn sie befürworten, dass Wölfe auf natürliche Weise den Wildbestand regulieren.

Die in der ARD-Reportage befragten Jäger unternehmen wenig, um ihr Negativ-Image zu korrigieren: Beckmann spricht mit einem Mann, den ein Gericht wegen illegaler Tötung eines Wolfes zu sechs Jahren Freiheitsentzug auf Bewährung verurteilte und ihm für zwei Jahre die Jagdlizenz entzog. Er sagt, die Jäger seien vorsichtig, denn sie wissen, was ihnen blüht. Untereinander herrsche aber eine klare Meinung zum Problemfall Wolf: "Knallt ihn ab und tut ihn weg", hieße es dann schon einmal.

Wölfe gefährden die Existenz von Schäfern

Nachvollziehbarer werden die Sorgen einer anderen Berufsgruppe: Jan Siebels ist Schäfer. Wölfe rissen an einem einzigen Tag 30 seiner Schafe. Er darf deshalb mit einer Entschädigung von 13.000 Euro durch das Land Schleswig-Holstein rechnen. Seine Existenz ist trotzdem bedroht, denn der Staat hat die Obergrenze für solche Entschädigungszahlungen auf 15.000 Euro festgelegt - für drei Jahre.

Weitere Wolfsattacken könnten Siebels also ruinieren. Damit steht er vor der Frage: Geld für Schutzmaßnahmen ausgeben oder mit den Risiken leben? Entsprechend groß ist die Wut des Schäfers: "Es gibt Gründe, warum unsere Vorfahren den Wolf einst ausgerottet haben."

Kollegen von Siebels haben zum Schutz ihrer Herde vor den Wölfen spezielle Zäune errichten lassen und sich Hunde oder sogar Esel zur Bewachung angeschafft. Das Problem: Während die genormten, aber anfällig wirkenden Zäune bezuschusst werden, müssen die Schäfer ausgebildete Wachtiere aus eigener Tasche bezahlen. Ein Herdenhund kostet etwa 3500 Euro, Futter und Pflegekosten nicht einberechnet.

"Nur im Märchen"

Doch nicht nur von Berufs wegen bringen Menschen dem Wolf Misstrauen entgegen. "Wölfe streunen vor Waldkindergarten", "Wölfe folgen Spaziergängerin", "Wolf mehrfach in Siedlung gesichtet": Mit Schlagzeilen wie diesen ist der Wolf in den letzten Monaten zum Medienstar avanciert - und verursacht wieder Schrecken im Land.

Bianca von Döllen hatte in einer niedersächsischen Gemeinde einen Wolf in der Nähe des Waldkindergartens erblickt. Für sie ein beängstigender Anblick, erzählt sie Beckmann. Ihr Urteil stand angesichts der Sorge um die Kinder offenbar schnell fest: "Keine wilden Wölfe! Die gehören hier nicht hin und verbreiten nur Angst. Deshalb: einfangen und wegbringen."

Dabei sollten Statistiken die besorgten Bürger eigentlich beruhigen. Seit der Wolf wieder in Deutschland ist, gab es keinen Angriff auf einen Menschen. Auch Wolfsforscher Matthias Vogel beschwichtigt: "Menschen sind nicht im Fokus des Wolfes." Verhalten sich Wölfe wenig scheu, liege das daran, dass Menschen sie zuvor angefüttert hätten. Wildnispädagoge Joscha Grolms bestätigt: "Dass Menschen von Wölfen einfach so angegriffen werden, gibt es nur im Märchen."

Umweltminister: Das oberste Raubtier ist der Jäger

Wie aber geht die Politik mit dem Streitthema um? Für seine Reportage sprach Beckmann mit Grünen-Politiker Stefan Wenzel. Er ist Umweltminister in Niedersachsen und sieht sich derzeit den Protesten zahlreicher Wolfsgegner ausgesetzt. Wenzel wehrt sich und stellt sich auf die Seite des Tieres: Das oberste Raubtier im Wald sei nicht der Wolf, sondern der Jäger. Es scheint, als ob es ihm im Sinne des Ökosystems umgekehrt lieber wäre: "Die Frage ist: Kriegt das der Jäger so gut hin, wie es die Natur eingerichtet hat?"

Angesprochen auf die Probleme von Schäfern und die Ängste der Bürger fordert Wenzel höhere Investitionen: "Wenn man sieht, wie viel wir dafür ausgeben, um Natur zu zerstören, ist das immer noch ein Vielfaches davon, was wir aufwenden, um Flora und Fauna zu erhalten - das macht den Faktor 20 bis 50 aus."

Es ist zugleich das Fazit, mit dem die Reportage schließt: Eine erneute Ausrottung des Wolfes steht wohl nicht zur Debatte. Doch ein Zusammenleben mit dem Raubtier ist nur dann möglich, wenn Deutschland mehr Geld ausgibt - um Menschen und ihren Tieren mehr Sicherheit zu geben.

 (Quelle: Nabu)

Quelle: rev, feelgreen.de


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