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Deutsche Bauern produzieren Geflügel für die Tonne

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Zu viel Antibiotika und Hähnchen für die Tonne

18.01.2012, 10:38 Uhr | dpa / mt, dpa

Deutsche Bauern sind scheinbar auf dem Weg zu einer gewaltigen Überproduktion von Geflügel. (Quelle: dapd)

Deutsche Bauern sind scheinbar auf dem Weg zu einer gewaltigen Überproduktion von Geflügel. (Quelle: dapd)

Kurz vor dem Start der Agrarmesse "Grüne Woche" stellten Bauern, Umweltschützer und Tierschützer den "Kritischen Agrarbericht" vor. Darin warnen Experten vor dem Raubbau an Wäldern auf Kosten der Umwelt und sagen einen Preiskampf bei der Hähnchenmast in Deutschland voraus. Die Autoren äußerten sich außerdem kritisch zur übermäßigen Gabe von Antibiotika, die auch Auswirkungen auf das menschliche Gesundheitssystem habe.

Massive Überproduktion

Weltweit wachsen die Agrarmärkte. Auch die deutschen Bauern hoffen auf Exporterfolge, Spekulanten verdienen mit. Doch der Boom hat Schattenseiten, wie der "Kritische Agrarbericht" meint. Die deutschen Bauern sind nach dem Bericht auf dem Weg zu einer gewaltigen Überproduktion von Geflügelfleisch. Bundesweit seien Ställe für bis zu 36 Millionen Hähnchen geplant, schätzt der "Kritische Agrarbericht 2012". Allein im Landkreis Emsland lägen Anträge für 11 Millionen Mastplätze vor. Um die bundesweite Nachfrage zu stillen, seien jedoch 3,2 Millionen neue Plätze ausreichend.

Geflügel-Lobby ist stark

Verschiedene Bürgerinitiativen aus der Region um Wietze in der südlichen Lüneburger Heide haben am eigenen Leib erfahren, wie wichtig der deutschen Geflügelindustrie der stetige Ausbau von Mast- und Schlachtanlagen ist. Sie haben lange Zeit gegen den Bau der größten Geflügel-Schlachtanlage Europas in Wietze protestiert. Alle Proteste waren nutzlos, kein Wunder bei einer Subvention von 6,5 Millionen Euro allein für den Bau des Gebäudes. Seit Herbst 2011 ist die Anlage in Betrieb und schlachtet 450.00 Hühnchen am Tag.

In der Region Hannover entstehen nun immer mehr Mastställe. Erst kürzlich wurde so in Groß Munzel der Bau von zwei Mastställen mit jeweils knapp 43.000 Hühnern genehmigt. Im Emsland hingegen gibt es bereits so viele Mastställe, dass es für Mastställe aufgrund der Emissionsbelastung keine Baugenehmigungen mehr vergeben werden.

Experten kritisieren auch Raubbau an den Wäldern

Der Agrarbericht von Bauern, Umwelt- und Tierschützern wurde auf der Agrarmesse Grüne Woche in Berlin vorgestellt, die am 20. Januar begonnen hat. Der Sammelband kritisiert auch die anhaltende Spekulation mit Agrarrohstoffen. Experten warnen darin außerdem vor einem Raubbau an den Wäldern, um im Zuge der Energiewende wieder mehr Holz als Brennstoff zu gewinnen.

Zu hohe Gaben von Antibiotika

Der Bericht sagt einen ruinösen Preiskampf der Hähnchenmäster in Deutschland voraus. Derzeit gebe es schon etwa 80 Millionen Mastplätze, der Verbrauch wachse aber nur noch verhalten. Der Fleischverzehr je Kopf in der deutschen Bevölkerung war innerhalb der Jahre 2007 bis 2010 um 1,5 Kilogramm auf 19,3 Kilogramm pro Jahr angewachsen. Und beim Export kämen die deutschen Produzenten gegen die Konzerne aus Brasilien und den USA ohnehin nicht an, schreibt der Agraringenieur Eckehard Niemann.

Die Autoren kritisieren, dass in den Großställen Antibiotika in großem Stil zum Einsatz kämen. Dies sei eine Grundvoraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg der "Agrarindustrie", wie der Vize-Vorsitzende des Bundestags-Landwirtschaftsausschusses, Friedrich Ostendorff (Grüne), kritisiert.

Spekulationen mit Agrarrohstoffen

Mastschweine in intensiven Haltungsformen erhielten durchschnittlich einmal im Monat Antibiotika. Die Halter wollten damit nicht nur vermeiden, dass die Tiere krank werden. Es gehe auch um "Wachstumsdoping", so Ostendorff. Das sei einer der Gründe dafür, dass auch bei Menschen die Resistenzen gegen Antibiotika zunähmen.

Unter der Überschrift "Brot für die Börse" fordert der Finanzmarktexperte der Organisation Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung (WEED), Warentermingeschäfte mit Agrarrohstoffen wie Weizen und Soja einzuschränken. Die Spekulation damit sei einer der entscheidenden Faktoren für steigende Preise und für wachsenden Hunger in der Welt.

Quelle: dpa / mt, dpa


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