03.11.2011, 11:38 Uhr
Verbrennen statt wegwerfen: Mit gebrauchten Windeln lässt sich jetzt Energie erzeugen. (Quelle: imago)
Marco Nauerz hat der Windel einen neuen Sinn gegeben. Er hat innerhalb von vier Jahren ein Kraftwerk entwickelt, das mit Hilfe von Windeln Energie erzeugt. Inzwischen ist es seit sechs Jahren in Betrieb und schreibt bereits schwarze Zahlen. Die Stiftung – für die das unabhängige Versorgungssystem entwickelt wurde – profitiert seit dem ersten Tag von dem Energiewunder.
Wenn Marco Nauerz von seiner Erfindung spricht, nennt er sie liebevoll "Windel-Willi". Das dezentrale Kraftwerk steht am Bodensee in Meckenbeuren und versorgt die Stiftung Liebenau mit Heizenergie. Und das nicht nur für die zugehörigen Pflegeeinrichtungen. Mitversorgt werden auch die Großgärtnerei, die Kantine und die Wäscherei. Das Kraftwerk ist weltweit das einzige, dass aus Inkontinenzabfällen Energie erzeugt. Dazu gehören außer Windeln auch Einmalhandschuhe oder Verbandmaterial.
"Die Feuerleistung beträgt 1240 Kilowatt", berichtet Marco Nauerz, Leiter der Bauabteilung bei der Stiftung Liebenau in Meckenbeuren im Bodenseekreis. Die Leistung genügt für die stiftungseigene Wäscherei, die täglich acht Tonnen Wäsche verarbeitet, die Großküche, die bis zu 3000 Essen täglich kocht und die Gewächshäuser mit einer Nutzfläche von 96.000 Quadratmetern. "Die Energie wird also zu 100 Prozent genutzt." Die Stiftung hatte das Kraftwerk im November 2006 in Betrieb genommen.
Das Windelkraftwerk kann bis zu 5000 Tonnen Windeln pro Jahr verbrennen. 1000 Tonnen Windelabfälle bekommt er aus den Alten- und Pflegeheimen der Stiftung. Der Rest wird aus anderen Einrichtungen, Krankenhäusern und Gemeinden im Umkreis zugeliefert. Auch Familien aus der Nachbarschaft bringen Ihre Windeln zu dem Kraftwerk und sind froh darüber. Denn so sparen sie bis zu hundert Euro jährlich für die Entsorgung über die eigene Restmülltonne.
Das Windelkraftwerk verbrennt die Windeln bei bis zu 1000 Grad. Dadurch werden die umweltschädliche Abgase wie Dioxine und Furane um eine Vielfaches reduziert. Zurück bleibt Asche, die für den Deponiebau weiter verwendet wird. Somit werden 99 Prozent des Abfalls verwertet. Die restlichen Feinstäube werden extra gesammelt und getrennt entsorgt. Aus dem Schornstein der Anlage kommt also nur saubere Luft, die fast Co2-neutral ist.
Kann die Idee auch an anderen Standorten verwirklicht werden? Professor Ewald Pruckner kam in einer Studie zu dem Schluss, dass es durchaus Sinn machen würde, auch anderenorts einen "Windel-Willi" zu bauen, sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt seien. Ein Windelkraftwerk ist demnach überall sinnvoll, wo die Energieabnahme gesichert ist und im Umkreis ausreichend Inkontinenzabfälle anfallen. "In urbanen Gebieten wie der Region Stuttgart könnten 20 bis 30 Kilometer Einzugsgebiet für ein Windelkraftwerk ausreichend sein, in ländlicheren Gebieten etwa 50 bis 60 Kilometer", sagt Michael Staiber, Elektroingenieur bei der Stiftung Liebenau.
Diese Erkenntnis löste Interesse an dem Kraftwerk aus. Aus den USA, Italien, Spanien und aus Deutschland seien Gruppen an den Bodensee gereist, um die Anlage zu besichtigen. "Nachgebaut hat es aber bislang keiner", räumt Nauerz ein. Das System des "Windel-Willi" ist patentiert.
Warum es keiner kopiert hat? "Vielleicht liegt es daran, dass ich die Leute immer über die Risiken eines solchen Projekts aufgeklärt habe." Diese lägen im Betrieb: So müsse ein Notdienst eingerichtet werden, der rund um die Uhr zur Verfügung stehe. Manche Ersatzteile seien nicht innerhalb von 24 Stunden zu beschaffen, also müssten sie in einem Lager vorgehalten werden. Und außerdem sei ein Genehmigungsverfahren wie bei einer Müllverbrennungsanlage notwendig.
Vor dem Bau der Anlage hat die Stiftung etwa 350.000 Euro Müllkosten für die 2 Millionen Windeln gehabt, die jährlich in den Einrichtungen angefallen sind. Nun nimmt sie 128 Euro pro abgenommener Tonne ein – rechnet man die Einnahmen aus dem Verkauf von Energie dazu, kommen pro Jahr 1,2 Millionen Euro an Erlösen zusammen. In den "Windel-Willi" wurden über die Jahre rund 3,5 Millionen Euro investiert.
"Es hat sich also gelohnt", sagt Nauerz. Besonders, wenn man die Kosten für Öl bedenke, das die Stiftung kaufen müsste, wenn es das Kraftwerk nicht gäbe: Benötigt würden 800.000 Liter pro Jahr. Der "Windel-Willi" ersetzt also diesen fossilen Brennstoff. Dessen Gründer findet, frühzeitig die richtige Idee gehabt zu haben: Inzwischen sei das Schlagwort dezentrale Energieversorgung ja in aller Munde.
Quelle: dpa
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