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Quecksilber: vom Kraftwerk auf unsere Teller

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Quecksilber: vom Kraftwerk auf unsere Teller

28.05.2015, 09:50 Uhr | dpa, feelgreen.de

Die Kühltürme des Braunkohlekraftwerkes in Jänschwalde: Kohlekraftwerke setzen Quecksilber frei, das sich in den Meeren ablagert und vor allem über Speisefische auf den Tellern der Verbraucher landet. (Quelle: dpa)

Die Kühltürme des Braunkohlekraftwerkes in Jänschwalde: Kohlekraftwerke setzen Quecksilber frei, das sich in den Meeren ablagert und vor allem über Speisefische auf den Tellern der Verbraucher landet. (Quelle: dpa)

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) erhitzt mit seiner geplanten Kohle-Abgabe die Gemüter. Viel wird über drohenden Job-Abbau und Strukturwandel geredet. Die Umwelt- und Gesundheitsgefahren, die von alten Kohlekraftwerken ausgehen, geraten dabei leicht in den Hintergrund. Naturschützer warnen nun: Die Meiler stoßen nicht nur schädliche Treibhausgase aus, sondern auch Quecksilber. Das giftige Schwermetall landet schließlich auf den Tellern der Verbraucher.

Greenpeace-Mitglieder rücken im Morgengrauen mit ihren Beamern an. Sie projizieren Totenkopf-Bilder und den Spruch "Kohle tötet" auf die riesigen Kühltürme von sieben Kraftwerken. Mit der Lichtshow wollten die Aktivisten vor ein paar Wochen auf die Gesundheitsgefahren der Stromproduktion aus Braunkohle aufmerksam machen.

Umweltschützer: Geplante Grenzwerte sind deutlich zu hoch

Jetzt legt Greenpeace mit einer Studie nach. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt: In Deutschland tobt gerade eine Lobbyschlacht um die von Gabriel angedachte Klimaschutz-Strafabgabe für die Braunkohle und im spanischen Sevilla versammeln sich Anfang Juni europäische Experten, um über künftige EU-Schadstoffgrenzen auch für Kohle-Kraftwerke ab dem Jahr 2020 zu beraten. Für Quecksilber gibt es bislang europaweit gar keine einheitliche Obergrenze.

Greenpeace fürchtet, dass die EU nicht den Mut hat, der durch den Vormarsch von Wind- und Sonnenstrom ohnehin gebeutelten Kohle-Industrie ähnlich strenge Vorgaben wie die USA vor die Nase zu setzen. Braunkohle-Kraftwerke dürfen dort nicht mehr als 4,8 Mikrogramm Quecksilber pro Kubikmeter Abluft ausstoßen, bei der Steinkohle sind es 1,5 Mikrogramm. In der EU ist ein Jahresgrenzwert von zehn Mikrogramm im Gespräch, der in Deutschland ab 2019 gelten wird.

Greenpeace ist das nicht ehrgeizig genug. Die Umweltschutzorganisation fordert nur ein Mikrogramm als Jahresgrenzwert: "Mit schon heute verfügbarer Technik kann der Quecksilberausstoß in Kohlekraftwerken um 80 Prozent reduziert werden", meint Energie-Experte Andree Böhling. Einige deutsche und ausländische Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke schafften mit hochmodernen Filtern schon seit Jahren weniger als drei Mikrogramm. Die Kosten für eine Nachrüstung aller Kraftwerke seien überschaubar.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks kennt die Quecksilber-Gefahr für Mensch, Tier und Umwelt. Die SPD-Politikerin aus dem Kohle-Land Nordrhein-Westfalen will sich deshalb von Greenpeace nicht nachsagen lassen, die Regierung trete in Brüssel für zu lasche Vorgaben ein. Wichtig sei, erstmals überhaupt einen Quecksilber-Grenzwert zu etablieren, der ambitioniert, aber auch realistisch für alle 28 EU-Staaten sei, sagte ein Sprecher der Ministerin.

Der Greenpeace-Vergleich mit den USA hinke. Dort würden reine Quecksilber-Abscheider in Kraftwerken eingesetzt, während in Europa die Filter weitere Schadstoffe aus der Abluft holten. Ungeklärt sei die Frage, wo und wie das in den Vereinigten Staaten anfallende Quecksilber überhaupt gelagert werden soll.

Fischesser haben eher erhöhte Quecksilber-Werte

Die Gesundheitsgefahr durch das Schwermetall ist unbestritten. Die Mediziner und Toxikologen Peter Jennrich und Fritz Kalberlah haben für Greenpeace ein Gutachten erstellt: Die Quecksilber-Belastung in Deutschland, dem europäischen Spitzenreiter beim Quecksilber-Ausstoß, ist demnach deutlich zu hoch. "Jedes dritte in der EU geborene Baby kommt heute mit zu hohen Quecksilberwerten zur Welt", berichtete Jennrich. Die Emissionen müssten drastisch verringert werden.

Vor allem Verbraucher, die gern und viel Fisch essen, müssen aufpassen. Denn das industriell ausgestoßene Quecksilber lagert sich in den Weltmeeren ab und gelangt in die Nahrungskette. Die Deutschen zählen in Europa eher zu den Fischmuffeln, konsumieren weniger Meeresfrüchte als der EU-Durchschnitt. Das spiegelt sich bei der Quecksilber-Belastung wider, wie das Umweltbundesamt (UBA) schon Mitte 2014 erläuterte.

Für eine Pilotstudie waren in 17 EU-Ländern Haarproben von jeweils 120 Kindern im Alter von sechs bis elf Jahren sowie von deren Müttern untersucht worden: Die 1836 Kinder aus den beteiligten Ländern wiesen im Durchschnitt 0,145 Mikrogramm Quecksilber pro Gramm Haar auf - die deutschen Kinder aber nur 0,055 Mikrogramm. Auch die deutschen Mütter hatten entsprechend geringere Werte. "Vor allem führte steigender Fischkonsum bei Kindern und Müttern zu einem Anstieg des Quecksilbergehaltes", so das UBA-Fazit. Amalgam-Zahnfüllungen, kompakte Leuchtstofflampen oder Haarfärben hatten keinen Einfluss auf den Quecksilbergehalt der Haare. Das gilt auch für zerbrochene Fieberthermometer.

Chronische Quecksilbervergiftungen, zu denen es über die Nahrungsaufnahme kommen kann, machen sich durch Symptome wie Müdigkeit, Kopf- und Gliederschmerzen, Zahnfleischentzündungen und Zahnlockerung, Durchfälle sowie Nierenentzündungen bemerkbar. Später können Anzeichen der Schädigung des Nervensystems dazukommen: zum Beispiel Muskelzuckungen, Sinnes-, Sprach- und Gangstörungen oder Merkschwächen und Persönlichkeitsveränderungen.

Quelle: dpa, feelgreen.de


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